Alltagsbeobachtungen in zugespitzten Kurzgeschichten.

  • Pandora, das Dummchen  – HB Part 3

    Pandora, das Dummchen – HB Part 3

    Eine Essay-Reihe als Kritik, als Anregung zum Nachdenken, als Provokation. Trotzdem nur ein Spiel.

    Das ist der dritte Teil meiner Blutfehde mit der Wahrheit, wo wir uns dem Kern der Sache langsam nähern. Die ersten beiden Beiträge sind zum besseren Verständnis zu empfehlen 😉

    Danke an dieser Stelle an krzysztofniewolny Pixabay!

    Pandora Sphinx Larve

    Da sitzt sie mit hängenden Schultern…
    Pandora und ihr Pithos…

    Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber um Zeit zu sparen, halte ich an dieser Stelle eine gezielte Assassinierung für angebracht. Glücklicherweise muss kein Blut fließen. Rufmord wird reichen und die Hoffnung selbst bekommt man eh nicht tot, lediglich ihre Freier. Sie merken, wir sind schon wieder auf Kurs! Aber nach der wilden Achterbahnfahrt der letzten beiden Episoden durch das Hurentum, gönnen wir uns einen Moment der Ruhe im antiken Griechenland.

    [Der Autor konnte auf seinen Expedition nicht weiter südlich vorstoßen als Venedig, daher entspringen die nachfolgenden Beschreibungen völlig seiner lebhaften Phantasie. Ähnlichkeiten mit dem Küstenstaat sind purer Zufall oder von Reiseprospekten beeinflusst.]

    Einzelne Salzkristalle bröckeln dem Fischer aus dem Bart, als er sich mit den schwieligen Händen übers Gesicht fährt. In den vollen Körben zappelt seine glitschige Beute vergeblich vor sich hin. Einer seiner Söhne springt hinter ihm aus dem Einbaum und rückt ihm die Tunika zurecht.

    “Weinst du etwa, Vater?”

    “Wie könnte ich nicht, Perikles? Liebkost die Sonne nicht das Anwesen des Epimetheus, von ihrer Schönheit nur übertroffen von Poseidons Wellenspiel am Fuße der Wohnstätte des Titanen?”

    “Gewiss Vater! Selbst das kühle Blau, wo es des makellosen Weiß der Küste habhaft wird, schäumt vor Leidenschaft und ahmt die Göttin nach.”

    “Kypris, Ruhm und Glanz aller Zyprioten… aAAhHhh”

    Wie vom Blitz getroffen, fasst er sich an den Rücken und lässt einen martialischen Schrei los. Zur selben Zeit brechen die Körbe, die Beute entflieht, Wolken ziehen auf und bissige Winde peitschen ihnen die Gischt ins Gesicht. Es ist geschehen – Zeus hat seine Rache bekommen. Kein fröhliches Tagwerk mehr, sondern Schinderei im Schweiße des Angesichts. Und wer ist schuld? Pandora, das Dummchen. Macht da mir nichts dir nichts aus Neugier das Gefäß auf, in dem der gerissene Göttervater alle Übel gepfercht hat und die Leidtragenden in der Geschichte sind nicht die Götter oder Titanen, sondern die arbeitende Bevölkerung. Sie wissen schon, die bottom bitch. Hurra! Oder besser: Heureka?

    Aber halt, lassen Sie uns noch ein Weilchen bleiben und Pandora in ihrem Anwesen besuchen, um den Fall näher zu untersuchen. Dort finden wir kein Dummchen, dass Oopsie-Doopsie alle Übel und Plagen freilässt. Die Gute ist von ihrer göttlichen Familie unter anderem gesegnet mit Verschlagenheit und Tücke, ist trickreich wie Hermes. Das Gegenteil von naiv, wenn Sie mich fragen.

    Rosa Reuthner zeigt in ihrer Arbeit zum Mythos, dass es sich auch gar nicht um eine Büchse handelte, sondern um den Pithos – ein Vorratsgefäß, das in der Renaissance fälschlich mit pyxis übersetzt wird. Hesiod, der Autor der Geschichte, wirft seiner Protagonistin laut Reuthner nicht vor, eine verbotene Büchse zu öffnen, sondern vielmehr als trophy wife die Vorräte zu verschleudern und selber keinen Finger krumm zu machen. Die misogynen Ansichten der alten Griechen beleuchte in meiner anderen Blogreihe, hier sei nur darauf verwiesen, dass Hesiod zwar beweint, dass die armen Männer ihren – vom Schicksal zugeteilten Ehefrauen – in dieser Sache ausgeliefert sind, dabei aber geflissentlich übersieht, dass es die Männer sind, welche die Frauen in ein enges Korsett aus Möglichkeiten steckten.

    Stellt sich mittlerweile heraus, dass sie so wenig vom wirklichen Pandora-Mythos wissen, wie ich von Griechenland?

    Zurück zur Sache: Was war nun mit der Hoffnung im Pithos? Reuthner deutet sie auf die wiederkehrende Ernte als zentrales Motiv in einer Agrargesellschaft. Anderen positiven Auslegungen steht der Gedanke gegenüber, die Hoffnung wäre das letzte Übel. Was sich spießt mit dem Gedanken, dass die Übel ja in die Welt entweichen müssen, um zu wirken. Ich sehe noch eine weitere Option: Die Hoffnung bleibt ja vermeintlich nur eingesperrt, weil die Pandora den Deckel draufknallt. Sie kann nicht nachschauen, ob es geklappt hat – nein, nein. Wie Schrödingers Katze ist die Hoffnung da, solange es keiner kontrolliert. Sobald sie reinschaut: Schwupp, tot. Arme Elpis.

    Das ist das Heimtückische daran: Man darf niemals wissen, ob die Hoffnung begründet ist oder nicht, sonst ist sie schon vergebens. Es bleibt uns nur eines übrig: Um den Kreislauf zu durchbrechen, müssen wir ihr Gefäß zerschlagen, den Pithos in tausend Teile spalten.

    Damit wir nicht danebenhauen, eine kurze Rückschau in die vorhergehenden Beiträge: Unser Problem besteht darin, dass der arbeitende Mensch sich abrackert unter der grauslichen Herrschaft der Reichen und Mächtigen. Statt diesen aber den Prozess zu machen, werden moralisch aufgeladenen Nebenthemen ins Zentrum gerückt. Statt über die verhurten Aktienspekulanten zu reden, wird über das vermeintliche Fehlverhalten von Frauen geschimpft. Fragen sie doch mal Pandora!

    Um diese Missstände zu bekämpfen, hat einige Jahrhunderte nach Hesiod ein gewisser Jesus von Nazareth gepredigt:

    “Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!”

    Zweitausend Jahre später hat sich am Grundproblem trotzdem nichts geändert. Das erkannte bereits im 18. Jahrhundert ein findiger Deutscher, der die Formel verfeinerte und vollmundig ausrief:

    „Wenn Mensch lernen, sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, das würde sie frei machen, das würde ihr selbstverschuldetes Unvermögen aufheben.“

    Gut, ertappt, das ist gelogen. Das ist eine sinngemäße Wiedergabe. Was kann ich dafür, dass Kant so sperrig schreibt?

    Derart aufgeklärte Menschen würden schrittweise eine bessere Zukunft herbeiführen. Das kleine Schlitzohr! Wie soll ich denn lernen, selber zu denken, wenn der Schlüssel zum Lernen ja im Selberdenken liegt? Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

    Nein, auf gesellschaftlicher Ebene sind die Wahrheit und ihre Kinder – Aufklärung und Bildung – allesamt erwiesenermaßen gescheitert. Das letzte große Übel ist nicht die Hoffnung in der Büchse, es ist der Pithos selbst, der die falsche Hoffnung ermöglicht. Es ist der Glaube an die Wahrheit, der geradewegs verhindert, dass wir angemessen reagieren, indem er uns vertröstet. Und greift das Menschlein in einer glorreichen Epiphanie zum Hammer und meint sich ihrer zu entledigen, hüpft die Wahrheit mit dem nächsten Potentaten ins Bett. Altes Spiel in neuen Gewändern. Eine Wahrheit jagt die nächste und doch bleibt alles beim Alten. Wer zahlt für den bunten Reigen? Sie kennen die Antwort doch!

    So bleibt: Ohne Zweifel ist die Wahrheit die Mutter aller Huren.

    Fortsetzung folgt…

    Beim nächsten Mal: Platons Logos, das Fitness-beats-Truth Theorem und Jon Snow

  • Bus der Tod uns scheidet

    Bus der Tod uns scheidet

    Sind Sie schon mal mit einem Intercity-Nachtbus verreist? Das ist eine Erfahrung, die einem die Augen öffnet. Die nachfolgende Kurzgeschichte beschäftigt sich damit – und mit anderen Dingen 😉

    Danke an smader via Pixabay für das coole Bild.

    Bus-der-Tod-uns-scheidet

    “Wow, bist du deppat!”

    “Ziemlich cool, oder?”

    “Voll! Höchstens a weng kalt.”

    “Sehghst! Und du tuast imma so, als wär Busfoahrn da Tod.”

    “Na eh. Host eh Recht! Host as eh gheart, ned dass donn wieda hoast, I konn ned zuagebn, wenn du Recht host.”
    “I hobs gheart.”

    Ihr sanfter Kuss markiert die Pause vor dem nächsten Akt. Nachdem zum vierten Mal seit der Abreise zum Busbahnhof das Gepäck auf Buchungskopien, Pässe und lebensnotwendige Utensilien wie Ladekabel überprüft wird, erfolgt endlich die Freigabe der Rucksäcke zur Verstauung unter dem großen Fenster im oberen Stock.

    “Erste Reihe fußfrei. Nice! Ja, so hot Klimaschützn wieda wos.”

    Nachhaltiges Reisen bleibt neben der obligatorischen Videonachricht an die Kinder ihr einziger Gesprächsversuch. Letztlich wissen beide, dass am Ende der Nacht das erste kinderfreie Wochenende seit Ewigkeiten wartet, mit mehr Zeit zum ununterbrochenen Reden, als man nach so langer Zeit verdauen kann. Nachdem der ehelichen Höflichkeit Genüge getan wird, versenken sich beide in ihre Bücher oder Bildschirme.

    Kurze Zeit später klappt der Sessel der Frau zurück und, in eine kleine Decke gehüllt, wünscht sie mit dem Verschwinden der letzten Lichtstrahlen ihrem Gatten eine gute Nacht und verfällt in Leichenstarre. Ihn dagegen befällt eine leichte Nervosität.

    Na, selbst wenn. Schlofst hoit untertogs. Kane Kids, völlig wurscht. Geht nur um a paar Stund im Bus, redet er sich selbst gut zu und klammert sich unruhig an seine Lektüre. Als die Buchstaben aus Müdigkeit vor seinen Augen verschwimmen, schnappt er sich eine Decke und schmeißt sich in den leeren Doppelsitz neben ihrer Reservierung.

    Vielleicht wirklich nicht so schlecht, sagt er sich, wälzt sich ein paar mal hin und her, polstert das lästige Gurtschloss mit seinem Pullover und döst schließlich ein. Kaum in die Traumgefilde eingegangen, ruft ihn überzogenes Gelächter zurück in den Bus. Seine Augen schmerzen, als die hellen Lichter des Münchner Busbahnhofs sich durch die geschlossenen Lider brennen.

    “Natürlich miasn de jetzt einsteigen, de Idioten”, ärgert er sich.

    Tun sie dann aber doch nicht. Lediglich einer von den Saufschädeln hantelt sich die enge Stiege hoch und durch den schmalen Gang. Unten bei den beiden Fahrern, wird abgesehen vom Gepäck alles leer bleiben. An Schlaf ist trotzdem nicht mehr zu denken. Es dämmert ihm, dass ihn der Sandmann an diesem Tag nicht mehr besuchen wird. Zu geizig wacht er über seine magischen Körnchen.

    Nächste Chance nach Mitternacht, stellt er fest und wischt sich den Sabber aus dem Mundwinkel. Doch die Nornen meinen es nicht gut mit ihm. Die Schicksalsgöttinen hetzen ihm ein junges Pärchen auf den Hals. Schnurstracks steuern sie auf sein improvisiertes Bett zu. Es bleibt ihm nichts übrig, als auf den halben Quadratmeter zurückzukehren, den er guten Gewissens für sich beanspruchen kann. Wider besseren Wissens versucht er es seiner reglosen Frau gleichzutun und sich mit aller Gewalt in den Schlaf zu zwingen. Es hilft nichts, besonders nicht bei dem ständigen Gekichere und Gegackere seiner neuen Nachbarn.

    Ihr sads jo so lustig! Hahaha…, geh hoits einfoch de Pappn, brodelt es in ihm.

    Obwohl er nur Bruchstücke versteht, reicht ihm ein Blick aus den Augenwinkeln, um zu entscheiden, dass die beiden unerträglich sind. Unerträglich jung und unerfahren, weshalb der geleckte Feschak glaubt, seiner Holden die Welt erklären zu müssen und die dumme Kuh immer zu kichert, um ihm die Illusion nicht zu rauben. Unerträglich glücklich in ihrer gewählten Verblendung vor dem unausweichlichen Sündenfall.

    Sicher feiern de se dann daham nochm Poppen wie super se san, weil se den Bus nemman und die Umwölt schonen und Göld sporn und nochts reisen ist ja auch sooo lustig.

    Aber Reisen ist nicht lustig und nachts schon gar nicht, außer man kann schlafen, was für ihren leidenden Sitznachbarn unmöglich ist, solange sie sich weiter amüsieren. Mit einem schweren Atemzug setzt er sich auf, versucht zu lesen, gibt das schnell wieder auf und schaut sich stattdessen die zugestiegene Reisegesellschaft an.

    Manche tragen Arbeitskleidung unter den dünnen Jacken und Augen so leer, dass man eigentlich Angst haben müsste, nicht versehentlich in die Höhlen zu stürzen.

    Vielleicht Kellnerinnen, Küchenhülfn, Pflegekräfte und so?

    Ein paar Bosniaken, ein paar Türken, Syrer, viele Deutsche. Die wenigen Asiaten kann er nicht auseinanderhalten. Keine Anzugträger, zumindest nicht in diesem Nachtbus. Einige junge Leute; mehr Frauen als Männer. Wenigstens keine Kinder.

    Gott, Kinder im Nachtbus. Hoffentlich ist keiner so verzweifelt, graut ihm vor dem Gedanken. Alles in allem, nicht gerade die Haute Volée – und ich mittendrin.

    Bei der nächsten Station schließt er die Augen, sobald sie von der Autobahn abfahren, um dem grellen Licht zu entfliehen. Das furchtbare Paar neben ihm steigt – Gott sei Dank – schon aus, dafür füllen sich die übrigen Plätze fast restlos. Ihr Nachfolger hält zwar die Klappe, ist dafür aber wie Obelix ins Parfümfass gefallen.

    Bald ist jede Liegeposition auf dem kalten Kunstledersitz durchprobiert. Eine schlimmer als die Vorige. Gefangen in der billigen Duftwolke wünscht er sich fast wehmütig das Gegurre der Turteltauben zurück.

    Du worst jo nur neidisch, weil se glücklich worn, kan hinigen Rücken hom und kan Schlof brauchn, gesteht er sich schließlich ein. Damit hat er ja wohl die Lektion gelernt, die ihm das Universum erteilen wollte, doch an Schlaf ist trotzdem nicht zu denken.

    “Vrf´kte Sch´ß´”, flucht er leise vor sich hin. Stück für Stück verstummt das Gemurmel, wird abgelöst von dezentem Schnarchen. Auch das übertriebene Eau de Toilette im Nebensitz wird im sich ausbreitenden Nebel aus Schweiß, Darmgas und den aufgewärmten Bazillen in den Sitzen aus Tausend und einer Fahrt immer willkommener.

    Scheißt da Hund drauf, beschließt der Mann und wirft alle Vorbehalte über Bord. Tunlichst bemüht, nicht versehentlich seine Frau zu wecken, quetscht, schiebt, presst er sich in den Stauraum zu ihren Füßen.

    Ah, bessa. Vü bessa. A’–! Scheiß Kantn! Jetzt oba.

    Mitternacht liegt schon eine ganze Weile zurück. Außerdem ist er am Ende seiner Ideen. Von Selbstmitleid übermannt, bekommt er tatsächlich glasige Augen. Flehend wendet er sich ans Universum: Kum jetzt du Hurensohn. Du scheiß Wichsa. I wü schlofn, des konn jo ned sein. Da gonze verschissene Bus schloft. I wü a. I a!

    Dann fasst er sich wieder, erinnert sich daran, am nächsten Tag eh schlafen zu können. Natürlich ahnt er, dass das gelogen ist. Die kurze Zeit in der Ferne will voll und ganz genutzt werden. Aber die durchschaubare Notlüge reicht, um ihm etwas Ruhe zu schenken und wegdösen zu lassen. Endlich lässt sich der Sandmann erwärmen und ehrt ihn mit einem zweiten Besuch.

    Als er das nächste Mal zu sich kommt, weiß er nicht, wo er ist. Nur, dass ihm alles weh tut. Ächzend wetzt er herum, kämpft kurz mit einem Anflug von Platzangst. Dann ist die Pirouette vollendet und die eigenen dreckigen Schuhe dürfen als Polster herhalten.

    Obwohl der Bus gerammelt voll ist und auf der Autobahn Lichter und Verkehr vorbeipfeifen, fühlt der Mann sich plötzlich sehr allein, fast fehl am Platz. Von der Angst gestreift, wirft er einen kurzen Blick den Gang hinab. Eine Entscheidung, die er sofort bereut. Zwar ist außer grotesk verrenkten Schlafenden nichts zu sehen, aber ihn beschleicht das Gefühl, etwas Verbotenes zu beobachten. Als hätte er eine fremde Frau nackt überrascht und unschuldig ihren Zorn auf sich gezogen.

    Schnell löscht er sein Augenlicht, bereit, die Erinnerung zu begraben – vergebens. Die Verstoßene übt schreckliche Rache an ihm, zerreißt den Schleier, der ihn schützt. Ein Krächzen bleibt ihm in der Kehle stecken. Vor seinem inneren Auge schreitet der Gott der Träume durch die Reihen und vollbringt, was Sterblichen nicht zu sehen bestimmt ist. Durch die schlafenden Fahrgäste bricht sein unsichtbares Reich in die Wirklichkeit.

    Es ist eine üble Sache den Göttern zu begegnen, denn kein Mensch wird Leben, der mich sieht, verflucht der Mann sich durch eine andere Erinnerung, ehe er das Bewusstsein verliert.

    Der starke Drang zu pinkeln, weckt ihn abermals. Für einen Moment versucht er ihn zu unterdrücken, aber die Botschaft seines Körpers ist unmissverständlich. Der flache Schlaf konnte die Unruhe in seinem Nervenkostüm nicht vertreiben, wohl aber flüchtiges Vergessen schenken. Verwirrt lässt er das kümmerliche Ganglicht in sein Bewusstsein dringen, unfähig die verrenkten Gliedmaßen zu kontrollieren, um aus seinem Versteck zu kriechen. Schließlich rappelt er sich auf. Wie ein Schatzsucher steigt er über Stolperfallen und schlängelt sich an verrenkten Körpern vorbei.

    Pff, atmet er erleichtert auf, als die Treppe erreicht ist – zumindest für einen Moment. Eine gespenstische Stille wartet im Untergeschoss auf ihn. Keine Spur von den Fahrern. Der Vorhang zum Allerheiligsten ist geschlossen. Ungeduldig stolpert er in die winzige Klokabine und wird augenblicklich von weichem Licht umfangen. Sobald die Tür verriegelt ist, fließt das Unbehagen mit dem Urin aus ihm ab. Trotzdem zögert er für einen Moment über die Schwelle seines Refugiums in das Zwielicht zu steigen. Mit einem Tzh schüttelt er die Beklemmung ab und tritt den Rückweg an.

    Alles ganz banal!

    Doch der Anblick der regungslosen Leiber beruhigt ihn keineswegs. Auf seinen verkaterten Geist wirkt ihre nackte Fleischlichkeit ekelhaft. Er merkt gar nicht, wie er auf seinen Lippen kaut.

    Warat I nur in der Plastikkapölln unter Deck bliebn, hadert er. Kumm, stöh di ned so on!

    Einmal mehr schiebt er sich durch das Rankengeflecht aus Armen und Beinen.

    War do wos? Er wischt sich übers Gesicht. Bledsinn.

    Der Bus schießt unter den verschwimmenden Lichtern der Autobahn dahin, entzieht sich dem Zugriff ihrer prüfenden Strahlen. Mutter Nyx heißt das Gefährt samt der gestohlenen Seelen willkommen und reißt ihren unendlichen Rachen auf.

    Diesmal gibt es kein Leugnen, denn die Außenwelt verschwindet, als die Finsternis sie verschlingt. Seine gerafften Augenbrauen schießen hoch, als es ihm den letzten Zweifel aus dem Gesicht pustet und sein Kinn bis zur Brust aufklappt. Die weichen Knie versagen. In seiner Not klammert er sich an den nächstbesten Fahrgast, doch die Eiseskälte des Fremden lässt ihn aufschreien.

    Jesusmaria, atmet er erleichtert auf, als der Fette erwacht und den Spuk damit beendet. Nicht für lange, denn in dem aufgedunsenen Gesicht wohnt kein menschlicher Geist. Rund um ihn erwachen mehr und mehr der Fleischpuppen.

    Nix wie weg! In seiner Panik stolpert er und knallt auf die Rippen. “Schatzi!”, ruft er unsicher den Gang hinab und kriecht los, aber eisige Finger krallen sich in ihn. “Lossts mi! Lossts mi!”

    Sein Ellbogen zertrümmert eine Nase, er springt auf ein Knie. Wie ein Widder rammt er seinen Kopf in das Gesicht einer untersetzten Frau und schon tropft Blut an ihnen herab. Eine Mischung aus der Wunde an seinem Hinterkopf und ihrer aufgeplatzten Lippe.

    Ein böser Fehler.

    Stöhnend und Keuchend werfen sich seine Widersacher auf ihn, um den süßen Nektar in seinen Venen zu schlürfen. Zappelnd geht er zu Boden, kämpft sich mit Händen und Füßen auf den Rücken, gerade rechtzeitig, um den Ansturm eines dürren Greises abzufangen.

    “Ahhh, du Drecksau!”, kreischt er, als ihn der Alte in den Unterarm beißt. Die rechte Gerade knallt, verschafft ihm genug Platz für einen ordentlichen Tritt. Einen Herzschlag lang reißt er eine Schneise in die Angreifer und erhascht damit einen Blick auf Morpheus. Der Gott ist hier, um ihn der gerechten Strafe für seinen Frevel zuzuführen.

    “Schatziiihh!”, ertönt sein Schrei wie eine Posaune. Der Mut der Verzweiflung. Wenn er es nur bis zu ihr schaffen könnte: Dann, ja, dann!, ist er sicher. Ein letztes Mal bäumt er sich auf und wird wieder zu Fall gebracht. Seine Arme strecken sich zu ihr, während die Flut aus Leibern auf Befehl des Sandmanns über ihn hereinbricht.

    “SCHAATZIIHHH!!?”

    “Schhht! Wos denn? Spinnst jetzt komplett?”

    Wie von der Tarantel gestochen springt er auf, haut sich den Schädel an und geht wieder zu Boden. Sie kann sich ein Lachen nicht verkneifen.

    “Führ di ned so auf. In Berlin kennt uns zwoa kana, oba…”

    Die Kabine leuchtet in zartem Morgenrot. Langsam dringt die Erkenntnis zu ihm durch.

    “Man schloft gar ned so schlecht, oda? Ziemlich cool! Des kimma in Zukunft wirklich öfter machen. Oiso ned unbedingt Berlin. Reisen hoit.”

    Wortlos kriecht er in seinen Sitz.

    “Mhm.”

    Sie ignoriert seinen verdatterten Blick und begräbt ihm unter einem Schwall an Plänen. Wie zum ersten Mal genießt er ihre ungestüme Lebenskraft in vollen Zügen.

    I muaß wohl öfta sterben, wenn des hülft hoam ins Paradies z’kumma.

    Aber die Götter wird er nie wieder so leichtfertig anrufen.

  • Puffmütter und die Bottom Bitch – HB Part 2

    Puffmütter und die Bottom Bitch – HB Part 2

    Eine Essay-Reihe als Kritik, als Anregung zum Nachdenken, als Provokation. Trotzdem nur ein Spiel.

    Das ist der zweite Teil meiner Blutfehde mit der Wahrheit, wo wir uns dem Kern der Sache langsam nähern. Der erste Beitrag ist zum besseren Verständnis zu empfehlen 😉

    Danke an dieser Stelle an gomca via Pixabay!

    Puffmütter und die Bottom Bitch

    Wissen Sie, was eine Puffmutter ist? Falls die Antwort tatsächlich Nein war, dann hören Sie bitte auf so zu tun, als würden Ihre Gedanken nur aus Zuckerwatte und Sonnenschein bestehen. Es ist reizvoll, über jene Milieus nachzudenken, in denen unsere bürgerlichen Regeln ausfransen und den Blick freilegen auf den unkultivierten Primaten in uns. Liegt darin nicht der Reiz von Gangsterfilmen und post-apokalyptischen Stories? Fantasien wie man wäre, wenn das Korsett der Gesellschaft zusammenbricht? Oder um es mit Freud zu sagen: Wenn das Unbehagen der Kultur überwunden ist.

    Witzigerweise irritiert uns die Käuflichkeit von Sex so sehr, dass es gedanklich an den Rand der Gesellschaft geschoben wird, aber die eigene Seele für immer größere Gewinne zu verkaufen, das gilt als naheliegend, notwendig – ja erstrebenswert. Wie sonst kann man in den eigenen Lieferketten Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Sklavenarbeit, Todesfälle und weiß der Teufel was in Kauf nehmen, aber nur mit dem Schlaf kämpfen, wenn die Aktienmärkte beunruhigt sind?

    Ergo scheint es nicht übertrieben zu schlussfolgern, dass die Konzernmanager die eigentlichen Oberhuren, die Puffmütter sind.

    (Hier hält sich ein kleiner Exkurs versteckt.)

    (An dieser Stelle gilt: Kommando retour. Im letzten Beitrag der Reihe, habe ich für Menschen im horizontalen Gewerbe die weibliche Schreibform argumentiert, da es primär um Frauen geht. Im Konzernkontext muss ich das revidieren, denn bei der Dichte an Hodenträgern in Führungsfunktionen, wäre es wohl angemessen von Puffvätern zu reden.)

    Es gibt in diesen Sphären keine moralischen Einschränkungen, keine Prinzipien außer dem wirtschaftlichen Erfolg. Wenn dabei nicht die eigene Menschlichkeit und die vieler anderer verkauft wird, weiß ich auch nicht. So formulierte es der ehemalige OMV-Chef Rainer Seele unstrittig im Falter-Interview, als es um die Verstrickungen mit Russland ging.

    “(…) Unser Geschäft ist rein wirtschaftlich. Sie können noch so nette politische Vereinbarungen treffen, wenn sich das für eine OMV oder für einen anderen Konzern nicht rechnet, wird es nicht umgesetzt. (…) Das ist die Verpflichtung, die uns auch das Aktienrecht auferlegt. Und das ist für uns die Basis der Entscheidung, nichts anderes.” https://www.falter.at/zeitung/20190904/radikale-ziele-bringen-nichts

    Den Teil, wo das Heer an Lobbyist:innen auf Politik und Zeitungen Einfluss nimmt, den lässt er mal geschwind aus. Kann uns an dieser Stelle auch egal sein, wir wollten ja nur aus dem Munde der Mächtigen hören, dass alle ihre Prinzipien eine Frage des Preises und der Gesetze sind. Und direkt mit an Board hüpft die vielzitierte “Hure der Reichen” – die Verwaltung. Zumindest wenn man Thomas Schmidt und den Protokollen über seine internen Nachrichten glauben darf. So sind es schon zwei im Bunde: Puffmutter und ihre Hure der Reichen. Wer zahlt am Ende die Zeche? Sind es die Vermögenden, in deren Auftrag ja gehandelt wird?

    Mitnichten. Der umstrittene Kultkomiker Dave Chappelle erklärt in seinem Netflix-Special The Bird Revelation 2017, dass das eigentliche Geld mit der Bottom Bitch gemacht wird.

    “It’s a pimps #1 hoe. She is even the bitch that will help him keep the other bitches in line. If the pimp is McDonalds then the bottom bitch was french fries.”

    Also, was denken Sie, wer ist im Staate Ostarrichi die Bottom Bitch? Erraten! Ohne irgendein Sektenmitglied aus der Wirtschaft interviewt zu haben, um diese Einschätzung abzusichern, scheinen bei uns die Konsumsteuern vor Lohnsteuer und Sozialbeiträgen den Großteil der Staatseinnahmen auszumachen.

    Zu meinem und eventuell auch Ihrem Erstaunen werden besagte Pimps und Puffmütter jedoch nicht durch die Straßen getrieben wie die Königinmutter Cersei Lannister aus der Serie Game of Thrones, die für ihre herzlosen Spielchen den Zorn der Stadtbewohner auf sich zieht.

    (SHAME gloing SHAME gloing SHAME gloing)

    Schlimmer noch: Menschen aus allen Lebenslagen verteidigen das soziopathische Vorgehen der Konzernbosse – eine Tatsache, die mich stutzig macht. Kamen hier sowjetische Gehirnwäsche-Taktiken zum Einsatz oder wurde beim letzten Saufurlaub doch zu viel Vorlauf vom Absinth erwischt?

    Leider liegt das Problem viel tiefer begraben und – das muss ich gleich vorausschicken – historisch gesehen ist die einzige Lösung dafür auf jede erdenkliche Weise gescheitert.

    Fortsetzung folgt…

    Beim nächsten Mal: Pandoras Büchse und die schmutzige Wahrheit

  • Dschungelfieber und Mönche auf Steroide – OW Part 3

    Dschungelfieber und Mönche auf Steroide – OW Part 3

    Ein Essay, ein Spiel mit Gedanken – wurde mir gesagt.

    Dieser Text ist der dritte Teil einer längeren Reihe, wie ein paar antike Päderasten die Zukunft gerettet haben könnten.

    Diesmal gibt es keine Warnung die vorherigen Teile zu lesen. Den Teil kann man vermutlich auch so verstehen.

    (Aber falls du Lust hast 😉 )

    Danke an dieser Stelle an rubensukatendel via Pixabay!

    monkey guard buddha temple

    Dschungelfieber und Mönche on Roids!

    Die dicht an dicht dösenden Farnblätter werden unsanft geweckt, als sich ein graubraunes Fell nonchalant vorbeischiebt. Die Kreatur hat die Statur eines großen Terriers oder einer schlanken Bulldogge, aber ihr schaukelnder Gang passt – nebst anderem – so gar nicht zu einem Hundsvieh. Dementsprechend wenig dürfte es überraschen, dass sie keiner Fährte folgt, sondern gemütlich auf eine der unzähligen Schattenpflanzen zuhält, die ihre Pracht völlig schamlos der weiten Welt offenbart. Doch dieser zauberhafte Anblick geht an dem Tier verloren, dem die Fülle und der Reichtum des immerfeuchten Waldes längst zur Gewohnheit geworden ist.

    Lustlos kaut es in der allgegenwärtigen Schwüle auf einer der orangefarbenen Blüten herum. Vermutlich ist es auf Nahrungssuche – was soll es auch sonst tun inmitten dieser tristen Üppigkeit. Selbst die eigene Farbenpracht ödet es an. Schimmernde Blautöne, durchzogen von kräftigen roten Pinselstrichen verzieren das Gesicht und in ähnlicher Weise das fulminante Gesäß. (Sie sehen schon, wir bleiben dem Thema treu.)

    Dabei ist es nicht allein. Eine ganze Horde der Affen flaniert entlang der grünleuchtenden Promenade unter den hohen Wollbäumen. Aus den Augenwinkeln registriert der – legen wir die Karten auf den Tisch – Mandrill eine Bewegung im Nachbarbusch, kaum der Mühe wert den Kopf zu heben. Da flackert etwas in den trüben Augen auf. Die rosaroten Nüstern blähen sich ordentlich, die gelbe Mähne wendet sich im selben Moment hinüber – Leben erwacht im trägen Körper, als ein brünstiges Weibchen auftaucht.

    Es dauert nicht lange, bis die gegenseitige Beschnupperung abgeschlossen ist und die Sachlage klar: Es ist Paarungszeit! Und schon geht’s zur Sache, dass die vorhin noch ungenierten Blumen erröten, die Vögel aus den wackelnden Urwaldriesen flüchten und das Mandrillmännchen alle Welt an seiner Freude teilhaben lässt, indem es ein beherztes Yippikajay durch den Urwald jodelt.

    Nur um schnurstracks wieder in Lethargie zu verfallen und sich trottend vom Acker zu machen. Aber seien Sie nicht besorgt, das umso stärkender leuchtende Hinterteil bezeugt was für ein Hengst dieser Oberaffe ist. Und wer macht’s möglich? Genau C₁₉H₂₈O₂ – gemeinhin als Testosteron bekannt.

    Das Zeug, in das ein junger Gallier namens Obelix als Kind gefallen ist. Das Drachenblut, indem Siegfried badete. Der göttliche Fluss, in den Thetis den Achilles tauchte. Der Stoff, aus dem Männer wie Giacomo Casanova oder Indiana Jones gemacht sein müssen. Kämpfer, Verführer, Abenteurer. Kurz: echte Kerle. Nur leider fürchte ich, da liegt ein Missverständnis vor.

    Da gibt es eine krasse Parallel zur Legende, dass ein Matrose sterbe, wenn man ein Streichholz teilt. Die Idee wurde von den Seefahrern in ihrer abergläubischen Manier aufgenommen – warum weiß der Klabautermann – und so verteilt in aller Welt. Ursprünglich gab es wohl einen militärischen Zusammenhang. (Das lange Teilen eines Zündholzes gab lauernden Feinden Zeit in der Dunkelheit Maß zu nehmen.) Was nun das Testosteron betrifft, sind viele felsenfest überzeugt, es mache aggressiv und gampig (notgeil) – gleich aber wie bei den Seefahrern, ist das ein verdrehter Mythos.

    Fragen Sie nicht mich, halten Sie sich an den wundervollen Dr. Robert Sapolsky, der in seinem fulminanten Behave (Deutsche Ausgabe: Gewalt und Mitgefühl) die neurobiologischen Grundlagen darlegt und komplexe Verhaltensweisen glasklar aufschlüsselt. (Was für ein Fest dieses Buch war.) In seiner vollbärtigen, lockigen Herrlichkeit beschreibt Sapolsky die Wirkung von Testosteron als Verstärker für angelerntes Verhalten. Es hilft die notwendige Schwelle zu überschreiten oder sie zu senken, um nicht in Inaktivität gefangen zu bleiben. Wenn also die Mandrilldame ihre Pheromone verstreut, hilft Testo indem es den Körper aktiviert und im Hirn die Botschaft durchbringt:„Los Poppen, Go! Go! Go!“

    Aber ohne diesen Reiz wäre unser Alpha-Mandrill nicht in die Gänge gekommen, hätte nicht von sich aus drei andere Weibchen beschlafen und danach auch nicht Streit mit den Männchen gesucht. Sein Verhalten hinge stark davon ab, was es seit seiner Jugend als gewinnbringendes Verhalten erlernt hätte.

    Ein anderer Verhaltensbiologe, Dr. John Wingfield, hat dafür ein eingängiges Beispiel geprägt, dessen Sapolsky sich bedient – und nun ganz schamlos ich. Es geht um die Challenge Hypothesis, also die Frage nach dem Einfluss von Testosteron auf unser Verhalten, wenn wir in unserem sozialen Status herausgefordert werden.

    Die gängige Vorstellung wäre für unseren Mandrill, nachdem sich sein Testosteron-Wert nach erfolgreicher Paarung gehoben hat, dass er auf eine Herausforderung mit brutaler Härte reagiert und seinen Widersacher in Grund und Boden prügelt. Wieso auch nicht? DAS KANN ICH IHNEN SAGEN! 😉
    Ähem, naja, weil das eine unangebrachte Eskalation wäre – exzessive Gewalt. Die Gruppe würde ihn isolieren, die Weibchen stille Koalitionen gegen ihn formen usw. Er hält sich stattdessen an die erlernten Normen.

    Erst Drohen, Starren, Brüllen, Schlagen, Beißen, Rückzug erlauben. „This is the way.“

    Wingfield soll diesen Umstand – dass Testosteron erlerntes Sozialverhalten verstärkt, aber nicht begründet – mit buddhistischen Mönchen illustriert haben. Ungefähr so: Stellen Sie sich eine Mönchsgang vor, wie diese glatzköpfige Bande durchs Land zieht und in den Konsumtempeln Angst und Schrecken verbreitet, indem sie die Nichtigkeit des Seins durch selbstlose Handlungen und innerer Zufriedenheit aufzeigt. Was ist das erlernte Verhalten, um innerhalb dieses gemeingefährlichen Syndikats den Status zu behalten? Richtig, selbstlos und demütig für andere da zu sein.

    Mehr Testosteron lässt sie nicht zu Shaolinmönchen mutieren oder zu Samurai werden, nein, es verstärkt die bereits erworbenen Handlungsmuster. Ob es nun um Herausforderungen oder den Sexualtrieb geht, Testosteron moduliert nur das abgespeicherte Verhalten.

    „Klopf, Klopf.“
    „Wer ist da?“
    „Das geschichtliche Milieu.“

    In unserer westlichen Gesellschaft, in der Frauen ihre Ansprüche, Vorlieben und Erwartungen an die Männerschaft formulieren und dabei wohlwollenden Sexismus und Dominanzverhalten begrüßen, aber homoerotische Gesten oder selbst farbenfrohe Kleidung als tuntig und unmännlich verstehen, bewirkt Testosteron eine Verstärkung solcher Tendenzen. Denn Männer lernen unattraktiv für Frauen zu sein, wenn sie sich so geben – also meiden sie es. *** Wir alle bleiben Kinder unserer Zeit.

    Aber wenn sich die Katze hier in den Schwanz beißt, wie kam es dann im Laufe der Geschichte doch zu Veränderung? Und wie war das bei antiken Griechen, die soviel auf Wettkampf und krasse Männlichkeit hielten und doch für die Knabenliebe bekannt wurden?

    Fortsetzung folgt …

    Beim nächsten Mal: Knabenliebe im antiken Griechenland

    *** Weder dieser Text noch einer der anderen will Frauen für Homophobe Männer verantwortlich machen. Davon abgesehen, dass wir mit den Gedanken spielen (schon vergessen?), gibt es genug Gründe, wieso Männer Angst vor dem Thema haben, die alle mit ihnen selbst zu tun haben. Folgen Sie der Blog-Reihe und Sie werden schon sehen, wie die Kerle ihr Fett abkriegen – versprochen 😉 ***

  • Dreamteam Frauen und Schwule – OW Part 2

    Dreamteam Frauen und Schwule – OW Part 2

    Ein Essay, ein Spiel mit Gedanken – wurde mir gesagt.

    Dieser Text ist der zweite Teil einer längeren Reihe, wie ein paar antike Päderasten die Zukunft gerettet haben könnten.

    Schaut euch lieber den ersten Teil über perfekte Männerhintern an, sonst wird das hier nicht viel Sinn ergeben 😉

    Danke an dieser Stelle an JPiber via Pixabay für das Bild!

    Wolkenherz

    Dreamteam Frauen und Schwule

    Ist man sich erst einmal bewusst, welche Einigkeit und Anerkennung selbst unter formal den Frauen zugetanen Männern über den perfekten Männerpo herrschen muss, dürfte es nicht weiter überraschen, in welche Schwärmerei ich beim Anblick des formgewordenen göttlichen Willens versank. (Ein besonderer Arsch im ersten Teil 😉 ) Aber meiner Erfahrung nach stößt die Bewunderung der Attraktivität anderer Männer gerade bei den Frauen auf großen Unmut. An dieser Stelle würde sich eine ausgiebige Recherche einschlägiger Literatur anbieten.

    Sie irren allerdings, wenn Sie sich mich nun über einen Stapel Bücher gebeugt vorstellen – die kostbare verbleibende Zeit meines ohnehin angezählten Rückens verschwendend -, um die Geheimnisse weiblicher Homophobie vom Stegosaurus bis zum Terminator aus der fernen Zukunft im Jahr 2029 (!!) minutiös zu rekonstruieren. Aber Ihnen zuliebe wollen wir den Anschein fundierter Recherche erwecken.

    Also ein Zitat aus dem 1923 erstmals erschienen, für seine Zeit wohl als progressiv zu verstehenden, Wie bist du, Weib? von Dr. Bauer, einem Wiener Gynäkologen:

    „Das moderne Weib ist nicht schlechter geworden als es etwa früher war; wohl aber ist es etwas vernünftiger geworden! Insofern, als es heute wenigstens seine Prüderie und Scham soweit abgelegt hat (…)“.

    Ursächlich dafür sei – wie überall sonst im Leben – das veränderte Milieu der Zeit. Man nehme diesen Ansatz, schmeiße ihn für Hundert Jahre in einen Kochtopf mit Wahlrecht, Pille, Aufklärung, LGBTQIA+*, MeToo und Gleichstellungsgesetzen und herauskommt das moderne Dream-Team schwuler Männer und lediger Frauen. Von wegen weiblicher Homophobie, höre ich Sie schon sagen. Der Gay Best Friend hat den Status eines popkulturellen Ideals. Beweisaufnahme beendet. Oder?

    Einspruch, euer Ehren! „It is a capital mistake to theorize before one has data”, warnt der gute alte Sherlock aus dem Grab. Denn wir haben jenen Fall von Ablehnung gegenüber Anziehung zwischen Männern, auf den ich mich beziehe, noch gar nicht besprochen.

    Sehen Sie, meine Frau ist eine ausgesprochen wohlbelesene Feministin, der jegliche Verurteilung von homosexuellen Partnerschaften – und aller anderen Spielformen – unter normalen Umständen sauer aufstoßen würde.

    Eines Tages brausen wir mit unserem Auto durch eine finstere Landschaft. Ein Heer schwerer, vollgesoffener Regenwolken verdunkelt den Himmel. Ihre ausgesandten Streitkräfte trommeln ungestüm gegen die dünne Blechmembran, während wir eine Schneise durch ihre Reihen schlagen. Augenblicklich schließen sich ihre Linien hinter uns. Fast wirkt es, als ob wir das Land verlassen hätten, als säßen wir abgeschottet von der restlichen Welt in einem Uboot; als wären wir aus dem Lauf der Zeit in eine andere Dimension entrückt.

    In dieser Parallelwelt blüht unser Gespräch auf, entfaltet sich angeregt, springt unerwartet von hier nach da – wie ein Liebesspiel der Gedanken. Ohne zu wissen, wie wir dort gelandet sind, erzähle ich von der Gepflogenheit, bei der sich Sportler gegenseitig auf den Po klatschen, um gegenseitige Anerkennung auszudrücken. Und was ist die urtümlichste Reaktion meiner Liebsten in diesem intimen Moment? Sie macht sich lustig. Spöttelt über diese komischen Verhaltensweisen, hat die Not, diese Vorstellung ins Lächerliche zu ziehen. (Was sie später mit eingezogenem Schwanz als kindischen Schnellschluss entschuldigen wird.)

    Und diese Reaktion würde ich als exemplarisch einstufen für Zuneigung und Zärtlichkeit – Sind sie bereit? – zwischen heterosexuellen Männern. Sollen die Schwulen doch treiben, was sie wollen, das macht allenfalls etwas her für lustige Geschichten, solange die Kerle Kerle bleiben.

    Ich trau mich wetten (was also nichts anderes heißt, als dass ich außer meiner Intuition keine belastbaren Daten darüber besitze), dass viele Frauen bei den Geschichten aus Queer as Folk genauso lachen können wie bei den zotigen Anekdoten aus Sex and the City. Ein Beispiel der ersten Staffel Queer as Folk, dass die vermeintliche Verbrüderschwesterung einfängt.

    Business Executive: „But what about the model? Are you sure he isn’t too…?”
    Brian: “Gay? Ladies?”
    1st Woman: “I wouldn’t care if he was. I would go to bed with him anyway.”
    2nd Woman: *Laughter*

    Gelächter, Gelächter – wie gesagt: Schwul und Ladies geht ja angeblich super zusammen. Aber haben Sie schon mal gesehen, wie viele Frauen auf äußere Kennzeichen (Marker) reagieren, die Gender-Stereotypen widersprechen – angefangen im Kindergarten bis hinauf ins hohe Alter? Ganz zu schweigen von Liebkosungen oder Freundschaftsbezeugungen, die nicht in Stacheldraht gewickelt sind.

    Derogative Bezeichnungen unter Freunden wie „Schlampal“ (Koseform von Schlampe) würden 10mal eher durchgehen als „Süßer“. Jede Wette! Das ist plötzlich nicht mehr das gute Schwul der richtig Schwulen. Das ist heteroschwul und da gibt es eine Grenze, bei dem – wie Dr. Bauer sagen würde – “(…) normalen Weib, das Weib des Alltagslebens, das ‚Kulturweib‘, das mit und um uns lebt.“

    Nehmen wir mal an, mein Bauchgefühl stimmt. Woher mag diese Doppelmoral dann kommen? Was spricht für schwule Freunde, aber gegen Partner, die mit anderen Männern liebevoll sind? Liegt es an Jahrtausenden der Erniedrigung und Missachtung von Frauen, die sie hypersensibel sein lässt auf jedwede Bünde unter Männern?

    Immerhin mussten sie die Degradierung zu Zeugungsmaschinen ja schon bei den antiken Griechen hinnehmen, die so wenig auf sie hielten, dass sie die einzig wahre Beziehung eher mit pubertierenden Knaben suchten als mit einer Frau. (Ein Punkt, auf den wir noch zu reden kommen werden. Darauf können Sie vom Schierlingsbecher trinken.)

    Oder entspringt diese reflexhafte Abneigung doch der kulturchristlichen Sexualethik, die selbst von den Nazi-Ideologen heuchlerisch aufgegriffen und gerade im Blick auf

    Homosexualität noch verschärft wurde? In diesem Sinne würde ich Carola Reinsberg verstehen, die in ihrem spannenden Buch über Sexualität im antiken Griechenland schreibt:

    „Die Wahl der einen oder anderen Liebe war keine Frage einer individuellen Konditioniertheit, sondern einer gesellschaftlichen Konvention, abhängig von Alter und Sozialstatus.“

    Gut und schön, werden Sie nun vielleicht sagen, selbst wenn es einer der beiden Punkte wäre, ist’s doch bei den Männern nicht anders. Dabei ist der springende Punkt doch: Die Damenwelt sollte angeblich verbündet sein mit der Homowelt, statt sich darüber lustig zu machen oder eine harte Grenze bei den Heteromännern zu ziehen – wenn man den Filmen glauben darf.

    Davon abgesehen, will ich ein verrücktes Gedankenexperiment wagen: Was, wenn die Meinung der modernen Frau, anders als in der Antike, heute von Bedeutung wäre? Rein hypothetisch versteht sich! Um das zu klären, sollten wir uns mit C₁₉H₂₈O₂ vertraut machen. CC12CCC3C(C1CCC2O)CCC4=CC(=O)CCC34 ist natürlich ein Begriff für Sie, oder?

    Sonst lassen Sie mich Ihnen auf die Sprünge helfen.

    Fortsetzung folgt …

    Beim nächsten Mal: Dschungelfieber und Mönche on Roids!

  • Eine Annäherung/Abgrenzung – HB Part 1

    Eine Annäherung/Abgrenzung – HB Part 1

    Eine Essay-Reihe als Kritik, als Anregung zum Nachdenken, als Provokation. Trotzdem nur ein Spiel.

    Das ist der erste Teil meiner Blutfehde mit der Wahrheit.

    Danke an dieser Stelle an Susanne906 via Pixabay!

    angel statue as stand-in for truth

    Eine Annäherung/Abgrenzung

    Hure. Sagt man ja nicht mehr so oft. Öffentlich. Zumindest in meinem Dunstkreis des Mittelstandes und der niederen Akademiker. Sie wissen schon, solche, bei denen man nicht ehrfürchtig mit “Ach wirklich”, sondern mit “Achso” reagiert. Denken Sie einfach kurz nach, über welche Doktoren Sie schon Fernsehserie gesehen haben, der Rest sind die ‘Achsos‘. Ob nun Akademikerinnen, Handwerker oder Freiberufliche – für alle hat man ein grobes Gefühl, mit allen hatte man schon zu tun. Aber eine Gruppe ist mir fremd.

    Die hohen Leute, die Räuberbarone mit ihrem Hofgesinde, die unsere staatlichen Kolonien verwalten. Wie redet man wohl dort? Vielleicht gibt es in der vornehmen Gesellschaft wieder Huren. Könnte aber auch gut sein, dass der Begriff überflüssig wird, sobald man quasi das gesamte Staatsvolk als schlechtere Leibeigene hat. Wozu Huren, wenn es Sklaven gibt? Was genau ist überhaupt eine Hure? Sie erfüllt ja nicht die Funktion einer Hetäre oder Geisha, die als Kurtisanen eine hervorgehobene, wenn auch zweifelhafte, Stellung innehatten. Sie ist aber dennoch irgendwie zu unterscheiden von Schlampen, Dirnen oder Nutten.

    Je nachdem, ob man die althochdeutsche Wurzel ‘huora’ für Ehebruch oder Unzucht heranzieht oder doch das indogermanische ‘hegehan’ für lieben, lüstern sein, ergibt sich wohl eine andere Nuance im Verständnis. Was zuerst sexuell freizügig meinte, wurde alsbald zur Prostitution – denn Ersteres war die längste Zeit in unseren männlich gelenkten Plutokratien fast gleichbedeutend. Freizügig wurde zu ‘freizügig gegen Geld’. Eine Ausgeburt der wirtschaftlichen Nachteile und Ungerechtigkeiten zwischen Menschen, zwischen den Geschlechtern.

    Eine sexuell umtriebige Frau hatte keinen Wert als Kapitalanlage, als Produzentin legitimer Nachfolger. Was sie in der patriarchalen Hierarchie in die Nähe jener gern besuchten, stets missachteten Sexarbeiterinnen brachte. (Die Diskussion über diesen Begriff sparen wir uns an dieser Stelle.) Faktisch waren die von Altertumswissenschaften nachträglich heroisierten geistreichen Gefährtinnen – jene bereits erwähnten japanischen Geishas, indischen Tawaifs, chinesischen Yijis … – nur als kuriose Ausnahmeerscheinungen klar von den Heeren rechtloser Sklavendirnen zu unterscheiden, wie Dr. Carola Reinsberg zumindest für das antike Griechenland ausführt. Anzunehmen, den Damen wäre es zu anderen Zeiten in anderen Kulturen recht viel anders ergangen, erscheint kindisch.

    Heute erlebt das Promiscuous Girl, wie es Nelly Furtado mit Timbaland in ihrem 2006er Hit zelebrierte, in manchen Kreisen eine Rehabilitierung.

    Nelly: “You looking for a girl that’ll treat you right. Have you looking for her in the daytime with the light.”

    Timba: “You might be the type if I play my cards right. I’ll find out by the end of the night.”

    Nelly: “You expect me to just let you hit it. But will you still respect me if you get it?”

    Timba: “All I can do is try, gimme one chance.”

    Der spielerische Charakter, die gegenseitige Verführung macht klar, dass dieser Frau der zentrale Makel einer Hure nicht anhaftet: die Bezahlbarkeit. Was mitnichten heißt, dass sexuelle Freizügigkeit ohne Bezahlung ungestraft davonkommt.

    Schließlich kommt Nutte vom niederdeutschen ‘nützliche Frau’, Dirne schlicht von Dienerin und lediglich Schlampe hat mit seiner Verwandtheit zur Unordnung einen negativen Hintergrund. Aber es hilft ja nichts, die Gesellschaft lässt sich in dieser Sache wenig beirren. Selbst wenn diese Männer und Frauen – und es bleiben vorrangig Frauen, also bleibe ich vorrangig bei der weiblichen Form – in Amsterdam Sextherapeutin genannt werden, selbst dann bleiben die alten Stigmen aufrecht: Hure zu sein ist auch nicht viel besser als Achso-Akademiker.

    Wobei genau genommen die Oberhuren die großen Firmen sind – und zwar alle ohne Ausnahme.

    Fortsetzung folgt…

    Beim nächsten Mal: Puffmütter und Wirtschaftsfanatiker