Eine Annäherung/Abgrenzung – HB Part 1

Eine Essay-Reihe als Kritik, als Anregung zum Nachdenken, als Provokation. Trotzdem nur ein Spiel.

Das ist der erste Teil meiner Blutfehde mit der Wahrheit.

Danke an dieser Stelle an Susanne906 via Pixabay!

angel statue as stand-in for truth

Eine Annäherung/Abgrenzung

Hure. Sagt man ja nicht mehr so oft. Öffentlich. Zumindest in meinem Dunstkreis des Mittelstandes und der niederen Akademiker. Sie wissen schon, solche, bei denen man nicht ehrfürchtig mit “Ach wirklich”, sondern mit “Achso” reagiert. Denken Sie einfach kurz nach, über welche Doktoren Sie schon Fernsehserie gesehen haben, der Rest sind die ‘Achsos‘. Ob nun Akademikerinnen, Handwerker oder Freiberufliche – für alle hat man ein grobes Gefühl, mit allen hatte man schon zu tun. Aber eine Gruppe ist mir fremd.

Die hohen Leute, die Räuberbarone mit ihrem Hofgesinde, die unsere staatlichen Kolonien verwalten. Wie redet man wohl dort? Vielleicht gibt es in der vornehmen Gesellschaft wieder Huren. Könnte aber auch gut sein, dass der Begriff überflüssig wird, sobald man quasi das gesamte Staatsvolk als schlechtere Leibeigene hat. Wozu Huren, wenn es Sklaven gibt? Was genau ist überhaupt eine Hure? Sie erfüllt ja nicht die Funktion einer Hetäre oder Geisha, die als Kurtisanen eine hervorgehobene, wenn auch zweifelhafte, Stellung innehatten. Sie ist aber dennoch irgendwie zu unterscheiden von Schlampen, Dirnen oder Nutten.

Je nachdem, ob man die althochdeutsche Wurzel ‘huora’ für Ehebruch oder Unzucht heranzieht oder doch das indogermanische ‘hegehan’ für lieben, lüstern sein, ergibt sich wohl eine andere Nuance im Verständnis. Was zuerst sexuell freizügig meinte, wurde alsbald zur Prostitution – denn Ersteres war die längste Zeit in unseren männlich gelenkten Plutokratien fast gleichbedeutend. Freizügig wurde zu ‘freizügig gegen Geld’. Eine Ausgeburt der wirtschaftlichen Nachteile und Ungerechtigkeiten zwischen Menschen, zwischen den Geschlechtern.

Eine sexuell umtriebige Frau hatte keinen Wert als Kapitalanlage, als Produzentin legitimer Nachfolger. Was sie in der patriarchalen Hierarchie in die Nähe jener gern besuchten, stets missachteten Sexarbeiterinnen brachte. (Die Diskussion über diesen Begriff sparen wir uns an dieser Stelle.) Faktisch waren die von Altertumswissenschaften nachträglich heroisierten geistreichen Gefährtinnen – jene bereits erwähnten japanischen Geishas, indischen Tawaifs, chinesischen Yijis … – nur als kuriose Ausnahmeerscheinungen klar von den Heeren rechtloser Sklavendirnen zu unterscheiden, wie Dr. Carola Reinsberg zumindest für das antike Griechenland ausführt. Anzunehmen, den Damen wäre es zu anderen Zeiten in anderen Kulturen recht viel anders ergangen, erscheint kindisch.

Heute erlebt das Promiscuous Girl, wie es Nelly Furtado mit Timbaland in ihrem 2006er Hit zelebrierte, in manchen Kreisen eine Rehabilitierung.

Nelly: “You looking for a girl that’ll treat you right. Have you looking for her in the daytime with the light.”

Timba: “You might be the type if I play my cards right. I’ll find out by the end of the night.”

Nelly: “You expect me to just let you hit it. But will you still respect me if you get it?”

Timba: “All I can do is try, gimme one chance.”

Der spielerische Charakter, die gegenseitige Verführung macht klar, dass dieser Frau der zentrale Makel einer Hure nicht anhaftet: die Bezahlbarkeit. Was mitnichten heißt, dass sexuelle Freizügigkeit ohne Bezahlung ungestraft davonkommt.

Schließlich kommt Nutte vom niederdeutschen ‘nützliche Frau’, Dirne schlicht von Dienerin und lediglich Schlampe hat mit seiner Verwandtheit zur Unordnung einen negativen Hintergrund. Aber es hilft ja nichts, die Gesellschaft lässt sich in dieser Sache wenig beirren. Selbst wenn diese Männer und Frauen – und es bleiben vorrangig Frauen, also bleibe ich vorrangig bei der weiblichen Form – in Amsterdam Sextherapeutin genannt werden, selbst dann bleiben die alten Stigmen aufrecht: Hure zu sein ist auch nicht viel besser als Achso-Akademiker.

Wobei genau genommen die Oberhuren die großen Firmen sind – und zwar alle ohne Ausnahme.

Fortsetzung folgt…

Beim nächsten Mal: Puffmütter und Wirtschaftsfanatiker