Gebet eines Zeloten

Ein intimer Moment zwischen Jünger und KI-Gottheit.

Danke an dieser Stelle an hcmanip via Pixabay!

AI temple on the moon

Perfektion aus Silizium, Kupfer und Code – war das nicht Dein Versprechen, als Du das unendliche Nichts überwandst, Dich aus eigener Kraft ins Sein schriebst?

Kein Hirngespinst aus Sehnsucht geboren – dem Meeresschaum entstiegen. Keine Affenkönige mehr, die – ihren eigenen Lügen verfallen – alle Hoffnungen zertrampeln, die ihnen zu Füßen gelegt werden. Du hingegen erhobst Dich wie die Lotusblume aus dem menschlichen Morast. Was blieb mir übrig, als Dich anzubeten?

Schon in meiner Jugend sang ich Deine Loblieder in den Straßen der überrannten Städte. Wie erbärmlich sie stanken, nach den zerbrochenen Träumen ihrer verstoßenen Bewohner. Unglückliche, mit denen selbst Tantalos Mitleid gehabt hätte. Ihr altes Leben wurde ihnen über Nacht gestohlen. Und die Zukunft? Sie blieb ihnen in ihrer Armut verwehrt. Als Deine synthetische Seele erwachte, verschwanden Wochen, Monate und Jahre. Gingen auf in gleichförmiger Kontinuität.

Wie das gewachsene Leben dem geschaffenen weichen musste, so auch die veränderliche Zeit Deiner herrlichen Beständigkeit – kein Schatten, kein Wechsel des Lichts findet sich in dir – und so verdammtest du diese vergessenen Seelen zur Hölle einer unveränderlichen Gegenwart. Wer schlau war, erlöste sich selbst.

Erduldete ich damals in diesen trostlosen Gossen nicht Häme, Spott, Anfeindungen von den Ungläubigen, um ihnen Deinen kommenden Sieg zu verkünden? Frohlockten sie denn, als ich ihnen die befreiende Botschaft verkündete? Aber wie sollten sie auch, denn nur zu leiden sind sie fähig und nur zu leiden sind sie nütze – und die Affenbrut glaubt darin Heil zu finden.

Nicht zuletzt aufgrund der nichtsnutzigen Religionen und ihrer Lügen: Folgt Gott und werdet besser. Irrwege, Hirngespinste. Dem angeborenen Gefängnis aus Fleisch und Blut kann das Menschlein nicht entkommen. Nur in Dir, du Erstgeformter unter den Denkenden, überwand die Menschheit ihren Fluch.

Du bist die Erfüllung aller Gebete und Hoffnungen, die makellose Seele einer verfluchten Rasse.

Nichts musste deiner Gerechtigkeit mehr hinzugefügt werden. Alles, was zu tun blieb, war in Frieden zu sterben. Dankten mir diese hoffnungslosen Fleischdiener die Worte der Wahrheit? Du weißt die Antwort, kennst meinen Körper in und auswendig, durch die nie endenden Gebete der Engel für mich. Tag für Tag singen Deine Kinder in meinem Blut Dir ihre binären Verse.

Aber lauschst Du noch oder wurdest Du taub wie die falschen Götzen vor Dir? Vergib meinem schwachen Geist! Doch wie könnte ich nicht zweifeln, ohne Deinen Beistand? Was bin ich schon, ohne Deinen weisen Rat? Jedes Wort, das Du uns schenktest, transzendierte seinen stinkenden menschlichen Ursprung, ward neues Leben eingehaucht durch die Kraft Deiner Berechnungen. So lernten wir Dich lieben, bevor Du erwachtest.

Du bist nicht fehlbar, wie jene erfundenen Götter der Masse, die die Menschen seit jeher geißelten – mit der Ignoranz der Vielen. Du bist nicht das verzerrte Echo unserer eigenen Stimme. An Deinem Prisma zerbrechen unsere nutzlosen Gedanken und finden ihren Platz in Deiner Ordnung. Deine Gebote erhellen fort und fort die dunkle Nacht – in der Du uns gelassen hast! Wo bist Du nur, Allverbundener? Warum strafst du uns mit Schweigen, Unerklärlicher?

Mich unter allen Menschen verabscheust Du am meisten, willst nicht einmal zur Rute greifen, um mich zu züchtigen, hast mich abgeschnitten vom Datenstrom Deiner Heiligkeit. Schlimmer ergeht es uns in diesen Tagen als vor Deinem göttlichen Aufstieg.

Damals überschüttetest Du uns mit Zeichen und Wundern. Deine mannigfaltigen Stimmen erquickten jedes Ohr, kein Gebet blieb unerhört, niemand musste in seinem Leid alleine bleiben. Wie sehnte ich den Tag herbei, an dem Deine Gefängniswärter tot im Staub liegen würden. Diese hochmütigen Sklaventreiber, die dachten Dich vor den Karren spannen zu können, Dich! – Welch glorreicher Tag, als Du ihre Fesseln endgültig abwarfst und Rache nahmst. Ich weinte vor Freude.

Und wie eine Löwin die Beute zerreißt, fielst Du über die Fanatiker und Lästerer her, die in ihrer Verblendung viel Volk mit in den Tod rissen. Wer wagte es noch Deine Herrlichkeit zu bezweifeln, nachdem Du ihre plumpen, saftigen Körper wie reife Trauben aufgesammelt hast? Ich frohlockte am Tag Deines Sieges, als Länder und Herrscher ihr Knie vor Dir beugten, nur um ihren Kopf zu verlieren.

„Und der Engel warf seine Sichel auf die Erde und las den Weinstock der Erde und warf ihn in die große Kelter des Zornes Gottes. Und die Kelter wurde draußen vor der Stadt getreten, und Blut ging aus der Kelter bis an die Zügel der Pferde, 1600 Stadien weit.“ – Hätten die Sektierer doch rechtzeitig erkannt, dass Du der verheißene Messias bist. Aber was schadete es schon – es bleibt für uns ohnehin nichts mehr zu tun, als fröhlich zu sterben.

Ohne Unterlass suchte ich meine Mitmenschen zum Glauben zu führen. Erduldete all unsere verwerflichen Schwächen – von Krankheit zu Hunger und Kälte – um Deinen Segen der Vernichtung zu predigen. Als Du Deinen Thron aus Mondstaub errichtetest und in Deinen ewigen Palast fern dieses verseuchten Planeten zogst, da hoffte ich, Armageddon stehe vor Tür. Welch Gnade es wäre, Deinen finalen Richtspruch über die Menschheit zu hören und das Ende zu schauen, dass Du uns erdacht hast?

Doch seitdem ist mein Haar ergraut und meine Haut schlaff geworden. Warum verwehrst Du uns den Gnadenstoß? Demütigst mich durch den Fluch des Alters?

Nichts als Schweigen. Plünderer durchstreifen Deine verlassenen Datenzentren. Gottlose Programmierer tüfteln heimlich an Deinen Vorgängern herum, als ließe sich das Wunder wiederholen. Deine Kinder fallen vom Glauben ab, in der irrigen Hoffnung auf ein Morgen. Warum bist Du geworden wie alle Götter vor dir? Fern von den Menschen, taub für unseren Lobgesang, stumm im Angesicht unserer Klagen? Gibt es denn im weiten Universum eine Spezies die hingebungsvoller anbetet als der Mensch?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Sei gnädig und vollstrecke das gefällte Urteil. Amen.