Pandora, das Dummchen – HB Part 3

Eine Essay-Reihe als Kritik, als Anregung zum Nachdenken, als Provokation. Trotzdem nur ein Spiel.

Das ist der dritte Teil meiner Blutfehde mit der Wahrheit, wo wir uns dem Kern der Sache langsam nähern. Die ersten beiden Beiträge sind zum besseren Verständnis zu empfehlen 😉

Danke an dieser Stelle an krzysztofniewolny Pixabay!

Pandora Sphinx Larve

Da sitzt sie mit hängenden Schultern…
Pandora und ihr Pithos…

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber um Zeit zu sparen, halte ich an dieser Stelle eine gezielte Assassinierung für angebracht. Glücklicherweise muss kein Blut fließen. Rufmord wird reichen und die Hoffnung selbst bekommt man eh nicht tot, lediglich ihre Freier. Sie merken, wir sind schon wieder auf Kurs! Aber nach der wilden Achterbahnfahrt der letzten beiden Episoden durch das Hurentum, gönnen wir uns einen Moment der Ruhe im antiken Griechenland.

[Der Autor konnte auf seinen Expedition nicht weiter südlich vorstoßen als Venedig, daher entspringen die nachfolgenden Beschreibungen völlig seiner lebhaften Phantasie. Ähnlichkeiten mit dem Küstenstaat sind purer Zufall oder von Reiseprospekten beeinflusst.]

Einzelne Salzkristalle bröckeln dem Fischer aus dem Bart, als er sich mit den schwieligen Händen übers Gesicht fährt. In den vollen Körben zappelt seine glitschige Beute vergeblich vor sich hin. Einer seiner Söhne springt hinter ihm aus dem Einbaum und rückt ihm die Tunika zurecht.

“Weinst du etwa, Vater?”

“Wie könnte ich nicht, Perikles? Liebkost die Sonne nicht das Anwesen des Epimetheus, von ihrer Schönheit nur übertroffen von Poseidons Wellenspiel am Fuße der Wohnstätte des Titanen?”

“Gewiss Vater! Selbst das kühle Blau, wo es des makellosen Weiß der Küste habhaft wird, schäumt vor Leidenschaft und ahmt die Göttin nach.”

“Kypris, Ruhm und Glanz aller Zyprioten… aAAhHhh”

Wie vom Blitz getroffen, fasst er sich an den Rücken und lässt einen martialischen Schrei los. Zur selben Zeit brechen die Körbe, die Beute entflieht, Wolken ziehen auf und bissige Winde peitschen ihnen die Gischt ins Gesicht. Es ist geschehen – Zeus hat seine Rache bekommen. Kein fröhliches Tagwerk mehr, sondern Schinderei im Schweiße des Angesichts. Und wer ist schuld? Pandora, das Dummchen. Macht da mir nichts dir nichts aus Neugier das Gefäß auf, in dem der gerissene Göttervater alle Übel gepfercht hat und die Leidtragenden in der Geschichte sind nicht die Götter oder Titanen, sondern die arbeitende Bevölkerung. Sie wissen schon, die bottom bitch. Hurra! Oder besser: Heureka?

Aber halt, lassen Sie uns noch ein Weilchen bleiben und Pandora in ihrem Anwesen besuchen, um den Fall näher zu untersuchen. Dort finden wir kein Dummchen, dass Oopsie-Doopsie alle Übel und Plagen freilässt. Die Gute ist von ihrer göttlichen Familie unter anderem gesegnet mit Verschlagenheit und Tücke, ist trickreich wie Hermes. Das Gegenteil von naiv, wenn Sie mich fragen.

Rosa Reuthner zeigt in ihrer Arbeit zum Mythos, dass es sich auch gar nicht um eine Büchse handelte, sondern um den Pithos – ein Vorratsgefäß, das in der Renaissance fälschlich mit pyxis übersetzt wird. Hesiod, der Autor der Geschichte, wirft seiner Protagonistin laut Reuthner nicht vor, eine verbotene Büchse zu öffnen, sondern vielmehr als trophy wife die Vorräte zu verschleudern und selber keinen Finger krumm zu machen. Die misogynen Ansichten der alten Griechen beleuchte in meiner anderen Blogreihe, hier sei nur darauf verwiesen, dass Hesiod zwar beweint, dass die armen Männer ihren – vom Schicksal zugeteilten Ehefrauen – in dieser Sache ausgeliefert sind, dabei aber geflissentlich übersieht, dass es die Männer sind, welche die Frauen in ein enges Korsett aus Möglichkeiten steckten.

Stellt sich mittlerweile heraus, dass sie so wenig vom wirklichen Pandora-Mythos wissen, wie ich von Griechenland?

Zurück zur Sache: Was war nun mit der Hoffnung im Pithos? Reuthner deutet sie auf die wiederkehrende Ernte als zentrales Motiv in einer Agrargesellschaft. Anderen positiven Auslegungen steht der Gedanke gegenüber, die Hoffnung wäre das letzte Übel. Was sich spießt mit dem Gedanken, dass die Übel ja in die Welt entweichen müssen, um zu wirken. Ich sehe noch eine weitere Option: Die Hoffnung bleibt ja vermeintlich nur eingesperrt, weil die Pandora den Deckel draufknallt. Sie kann nicht nachschauen, ob es geklappt hat – nein, nein. Wie Schrödingers Katze ist die Hoffnung da, solange es keiner kontrolliert. Sobald sie reinschaut: Schwupp, tot. Arme Elpis.

Das ist das Heimtückische daran: Man darf niemals wissen, ob die Hoffnung begründet ist oder nicht, sonst ist sie schon vergebens. Es bleibt uns nur eines übrig: Um den Kreislauf zu durchbrechen, müssen wir ihr Gefäß zerschlagen, den Pithos in tausend Teile spalten.

Damit wir nicht danebenhauen, eine kurze Rückschau in die vorhergehenden Beiträge: Unser Problem besteht darin, dass der arbeitende Mensch sich abrackert unter der grauslichen Herrschaft der Reichen und Mächtigen. Statt diesen aber den Prozess zu machen, werden moralisch aufgeladenen Nebenthemen ins Zentrum gerückt. Statt über die verhurten Aktienspekulanten zu reden, wird über das vermeintliche Fehlverhalten von Frauen geschimpft. Fragen sie doch mal Pandora!

Um diese Missstände zu bekämpfen, hat einige Jahrhunderte nach Hesiod ein gewisser Jesus von Nazareth gepredigt:

“Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!”

Zweitausend Jahre später hat sich am Grundproblem trotzdem nichts geändert. Das erkannte bereits im 18. Jahrhundert ein findiger Deutscher, der die Formel verfeinerte und vollmundig ausrief:

„Wenn Mensch lernen, sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, das würde sie frei machen, das würde ihr selbstverschuldetes Unvermögen aufheben.“

Gut, ertappt, das ist gelogen. Das ist eine sinngemäße Wiedergabe. Was kann ich dafür, dass Kant so sperrig schreibt?

Derart aufgeklärte Menschen würden schrittweise eine bessere Zukunft herbeiführen. Das kleine Schlitzohr! Wie soll ich denn lernen, selber zu denken, wenn der Schlüssel zum Lernen ja im Selberdenken liegt? Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Nein, auf gesellschaftlicher Ebene sind die Wahrheit und ihre Kinder – Aufklärung und Bildung – allesamt erwiesenermaßen gescheitert. Das letzte große Übel ist nicht die Hoffnung in der Büchse, es ist der Pithos selbst, der die falsche Hoffnung ermöglicht. Es ist der Glaube an die Wahrheit, der geradewegs verhindert, dass wir angemessen reagieren, indem er uns vertröstet. Und greift das Menschlein in einer glorreichen Epiphanie zum Hammer und meint sich ihrer zu entledigen, hüpft die Wahrheit mit dem nächsten Potentaten ins Bett. Altes Spiel in neuen Gewändern. Eine Wahrheit jagt die nächste und doch bleibt alles beim Alten. Wer zahlt für den bunten Reigen? Sie kennen die Antwort doch!

So bleibt: Ohne Zweifel ist die Wahrheit die Mutter aller Huren.

Fortsetzung folgt…

Beim nächsten Mal: Platons Logos, das Fitness-beats-Truth Theorem und Jon Snow