düsteres Bucharchiv

Zwischen Wehmut, Wahnsinn und Wissenschaft – Eine Anthropologin auf der Suche nach ihrem Schicksal

Ein Auszug aus dem historischen Roman
Schattentheater – Die verbotene Schriftrolle

Der an ihr herabtropfende Schlamm hätte ein deutlicher Hinweis sein sollen, dass sie sich nicht in den sicheren Gefilden ihrer Erinnerung befand, geschweige denn, auf jene verlässliche Regelmäßigkeit ihrer Umwelt vertrauen konnte, in der ihr Bewusstsein zuhause war.

Allerdings erstickte diese Warnung unter der dicken Schicht an Emotionen, deren unverwechselbare Zusammensetzung Barbara sofort wiedererkannte. Der Gefühlscocktail verlieh der surrealen Umgebung eine glaubwürdige Note und verstrickte ihren Geist unmerklich darin.

Der würdelose Zustand des Archivs hätte ein weiteres Indiz sein können, um der unverlässlichen Natur des Ortes auf die Schliche zu kommen.

Unter Adolf von Harnack war die Bibliothek so sehr gewachsen, dass ein Umzug vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges unumgänglich geworden war. Dennoch blieb das alte Gebäude stets in Verwendung und sollte nicht mit Staub und Gerümpel brachliegen, wie sie Stück für Stück sichtbar wurden, als Barbara sich an die zunehmende Dunkelheit gewöhnte.

Doch die einmalige Mischung aus Wehmut, Unbehagen und Trotz in ihren schuldgeplagten Eingeweiden markierte die Zeit für sie unverkennbar als die Phase ihres verspäteten Doktorats. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass die Schlägertrupps der Nationalsozialisten bereits Leute einschüchterten. Ebenso wurde Fischers idiotische Erblichkeitslehre von Cambridge bis Rom, von Warschau bis Paris gefeiert. Wieso bei dem Typen bei niemanden die Alarmglocken schrillten, war ihr ein Rätsel.

Was soll man von einem Anthropologen halten, dessen Lieblingsthema für viele Jahre die mysteriösen Genitalien weiblicher Orang-Utans waren?

Nur zu gerne wäre Barbara in jenen Tagen all dem entflohen und hätte den Sprung über den Atlantik gewagt, um den Vorlesungen von Franz Boas zu lauschen. In ihren wildesten Fantasien sah sie sich als frischgebackene Studentin, vertieft in die Lektüre von Vielfalt der menschlichen Sprache, unter den imposanten Säulen der Low Memorial Library gedankenverloren die Stiegen hinabsteigen und versehentlich den vorbeikommenden Professor anrempeln.

“Oh, Sie lesen Humboldt auf Deutsch”, würde der ältere Herr wohlwollend bemerken, woraus sich ein Gespräch über die gemeinsame Herkunft und ihre eigene Doktorarbeit entspann.

Aber Patricias Zustand hinderte sie mehr denn je daran, lange Reisen zu unternehmen – egal ob für Expeditionen oder wissenschaftliche Kooperationen. Und Boas war mittlerweile emeritiert.

“Ra-’a-ə”, meinte sie, einen merkwürdigen zu Laut zu vernehmen und wischte sich den Schlamm aus ihrem Gesicht. Nachdem ihre Pupillen mittlerweile genug Zeit gehabt hatten, die wenigen herumirrenden Lichtstrahlen einzufangen, schaute sie sich aufmerksam um.

War das Archiv auch vor wenigen Augenblicken noch zum Bersten gefüllt gewesen, so hatten die einschüchternden Regale ihre wertvollen Schätze von einer Sekunde auf die andere verloren. Der Anblick hatte etwas Widerliches, wie das fast zahnlose Lachen eines Obdachlosen oder das Gefieder eines kahlgepickten Huhns.

So sehr die Forscherin sich auch mit ihrem kühlen Verstand identifizieren mochte, waren in dieser Welt ihre Gefühle am längeren Ast – und machten sich ihren Denkapparat untertan.

Die Vorstellung eines verwahrlosten Archivs schien im Einklang mit ihrer Intuition und drückte den Zustand ihrer Gefühlswelt von damals gut aus. Angeregt durch den hoffnungslosen Anblick ihrer Umgebung stieg eine weitere Erinnerungsblase in ihr auf. Für einen Moment tauchte Barbaras Geist in das bittersüße Geschehen aus einer anderen Vergangenheit ein.

“Was für ein Abstieg”, lästerte Patricia im Grau und Grau der wolkenverhangenen Hauptstadt über die neue Nationalbibliothek, „vom Babelplatz zur hässlichsten Prunkstraße Europas.”

Barbara kicherte zustimmend, wenngleich ihre Ausflüge in die überquellenden Magazine der alten königlich-preußischen Archive durch den Einschnitt des Krieges wie Relikte aus einem anderen Leben wirkten.

Ob es Pat auch so geht, mit all ihren eigenen Kämpfen?

“Die großkotzigen Kastenbauten passen wie die Faust aufs Auge zu diesen geistlosen Berliner Bonzen”, schimpfte Patricia weiter, sodass ihre Mutter sich genötigt fühlte, die Nachzüglerin entrüstet beim Namen zu rufen.

“Patricia”, ging ihre Stimme beim mittleren I unangenehm nach oben, was ihre jüngere Tochter lediglich anspornte nachzulegen. Insbesondere, da sie die irritierten Blicke der Spaziergänger der Flaniermeile auf sich zu spüren meinte.

“Was denn? Man würde doch meinen diese Leute von Geld, hätten schon einmal andere Städte bereist und sich was mitgenommen. Wien, Florenz, Tallinn – meinetwegen Dresden, um Himmels Willen”, redete sie sich lautstark in einen Rausch, der noch den ganzen Weg vom Boulevard bis zur Museumsinsel anhalten sollte. Sehr zum Missfallen ihrer armen Mutter.

Erst zurück in ihrer Stadtwohnung, allein mit Barbara, würde sie beim Einschlafen leise zugeben, dass sie sich unwohl fühlte.

“Wenn diese Gaffer so dämlich auf den Rollstuhl blicken, will ich ihnen einen guten Grund geben”, flüsterte sie bitter.

Ehe die Traumblase Barbara fortziehen konnte, lockte der unsägliche Ruf ihre Seele erneut in die Schattenbibliothek zurück.

“Ra-’a-ə.”

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