Ein Essay, ein Spiel mit Gedanken – wurde mir gesagt.
Dieser Text ist der vierte Teil einer längeren Reihe, wie ein paar antike Päderasten die Zukunft gerettet haben könnten – und heute geht’s ans Eingemachte!
Um wirklich Spaß damit zu haben, empfehle ich die vorhergehenden Abschnitte zu lesen 😉
Danke an dieser Stelle an dimitrisvetsikas1969 via Pixabay für das Bild im Sinne von „educational purposes“!

BJJ, Päderastie und Frauenhass im antiken Griechenland
Ich habe vor Kurzem mit Brazilian Jiu-Jitsu angefangen. So sehr sich meine Frau auch wünschen würde, es ginge dabei um einen lateinamerikanischen Tanz, ist es doch eine Kampfsportart. Bodenkampf mit Würgen, Hebeln usw. Wie man sich vorstellen kann, ist es unvermeidlich dem Gegner dabei sehr nahe zu kommen, aber ehrlich gesagt war ich trotzdem überrascht wie nahe.
Als Standardtechnik, um meinen am Rücken liegenden Gegner zu besteigen (im Englischen tatsächlich: to mount), setze ich mich auf eines seiner angewinkelten Schienbeine und presse sie möglichst nahe an seinen Körper – mit meinem Becken. Das ist faktisch unmöglich, ohne die Hoden am Gegner zu reiben. Dann wird gewechselt. Nun ist der Partner dran mit Eierschaukeln. Lektion 1: feste Shorts anziehen, nichts Dünnes.
Die alten Griechen hatten eine einfache Lösung für die Hosenfrage beim Ringen: keine Hosen, dafür gegenseitig mit Olivenöl einreiben. Da bröckelt bei Magic Mike (alias Channing Tatum) der Selbstbräuner vor Neid ab. Wenn sich die vorwiegend adlige oder reiche Jugend in der Palästra – eine Sportstätte an der frischen Luft umringt von Säulengängen – zum Training traf, warteten ihre Cheerleader teils in Scharen mit Geschenken auf die vortrefflichsten Jünglinge. Vollbärtige, ausgewachsene Männer, oft genug verheiratete Väter, Staatsmänner, Krieger, Philosophen, Dramatiker – sie alle schmachteten bei einem wohlwollenden Blick ihres Lieblings dahin. (Die zartesten Knaben mit vielleicht 12 oder 13 Jahren trainierten separat, um sie vor der *ähem* Aufregung zu schützen.)
Nun denken Sie bloß nicht, es wäre diesen antiken Helden, diesen Vätern der westlich-europäischen Kultur und des Denkens nicht um die höchsten und edelsten Ziele gegangen, bei der sogenannten Päderastie – der Knabenliebe. Von der Kalokagathia, das Schöne und Gute, der vollkommenen Harmonie von Geist und Körper, ist die Rede. Was bei den kriegerischen Raufbolden vom Mittelmeer neben Tüchtigkeit, Kampffähigkeit und Intellekt (Letzterer erst stärker gegen das Ende des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeit betont) selbstverständlich sittsames Verhalten bedeutete.
Wenn ein anständiger Grieche mit vielleicht dreißig Lenzen seine wildesten Jahre hinter sich gelassen hatte, aber sich nicht durch sein heroisches Ableben einen lokalen Kult sichern konnte, war es durchaus angebracht sich eine Braut zu nehmen. Ich rede natürlich von den adligen und reichen Bürgern, die wohl in der Regel die Träume einer Kultur ausleben dürfen, ohne auf das Elysium warten zu müssen.
So sehr Platon sich und seinen Homies die Enthaltsamkeit und Mäßigung auf die Fahnen geschrieben hatte, so wenig hielt sich die Oberschicht daran. Liebschaften, Affären und Untreue wurden zwar, sofern sie den sozialen Frieden bedrohten, als problematisch angesehen, aber es war trotzdem der akzeptierte Lauf der Dinge. Wenigstens konnte unser archetypischer Held sich auf Kriegsfahrt bedenkenlos austoben und bei den Symposien die böotische Wildsau rauslassen, solange er sich in seinen vier Wänden halbwegs im Zaum hielt:
- Den Sklaven gegenüber nicht übermäßig hart
- für die Sache seines Stadtstaates engagiert
- und durchaus entspannt, was voreheliche Liebschaften oder Kinder seiner Ehefrau anging,
- war ihm sittlich nichts vorzuwerfen.
Also packte er seine Geschenke, vielleicht Hasen oder Hähne als Symbole der Jagd und des Kampfes, und nutzte die morgendlichen Kühle, um eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Die erfolgreiche Werbung um einen heranwachsenden Knaben würde seine sittsame und moralische Qualität bezeugen. Die Kraft ihrer Verbindung würde ihn anspornen gerecht zu leben, sein Vorbild und seine Weisheit den Jüngling zum guten Bürger heranziehen – dem höchsten und wichtigsten Gut. Und als Gegenleistung durfte er seinem Schützling wie ein wildgewordener Pudel an den Schenkel gehen, um die nötige Klarheit für den Staatsdienst zu haben.
Und nein, das ist keineswegs sinnbildlich gemeint, sondern vollumfänglich wortwörtlich. Ganz im Sinne von Verrückt nach Mary:
„You choke the chicken before any big date, don’t you? (…) The most honest moment in a man’s life are the few minutes after he’s blown his load.”
“This is the way!”, applaudiert Mando, der Sci-Fi Spartaner aus Star Wars. (Letzteres ist gelogen. Die Spartaner goutierten Knabenliebe und Prostitution nicht, die hatten mehr so ein Faible für Blutreinheit *ähem*.)
Aber zurück zur Sache. Wie viel hat unser überspitzter Ausflug in die Antike mit der historischen Realität zu tun? Ihr Verdacht ist richtig, die antiken Obermacker trieben es noch bunter. Es geschieht selten, dass ich mich unwohl fühle irritierende Literatur in der Öffentlichkeit zu lesen, aber bei den Darstellungen in Ehe, Hetärentum und Knabenliebe von Dr. Carola Reinsberg hab ich mich durchaus umgeschaut, ob eh niemand reinsieht. Holla, die Waldfee!
Wenn man bedenkt, dass es nur akzeptierte und verträgliche Darstellungen in der Regel auf die Vasen geschafft haben, bekommt man eine Idee, was hinter den Kulissen ablief. Bitte lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf! Problematisch war dabei aus Sicht der griechischen Patriarchen nicht die Art des Geschlechtsverkehrs an sich, sondern die Frage der Penetration. Ein kleiner Crashkurs:
- 1. Regel: Anything goes!
- 2. Regel: Solange der Mann obenauf ist.
- 3. Regel: Solange es nicht Mann mit Mann ist.
Der springende Punkt ist nämlich: Unter keinen Umständen darf ein Mann seine Männlichkeit kastrieren, indem er Dinge tut, die weibisch sind oder nicht dem Manne dienen. Gegen eine Orgie mit Hetären (Sexarbeiterin irgendwo zwischen Dirne und Geisha) und Lustknaben im vollbesoffenen Delirium war nichts einzuwenden; sich erniedrigen durch Cunnilingus bei der Frau? Keinesfalls. In derselben Logik durfte man den Oberschenkel eines Jünglings für den Weltfrieden rammeln, denn es handelt sich technisch gesehen noch um keinen Mann. Darum mussten es Knaben sein. Geht Ihnen schon ein Licht auf?
Vielleicht fragen Sie sich: Wieso dann nicht einfach bei Frauen oder Mädchen bleiben? Immerhin wurde mit 14 Jahren verheiratet, falls die Jugendlichkeit der springende Punkt wäre – Pfui, da wäre Aristoteles sehr enttäuscht von Ihnen! Wie soll man denn mit so einem minderbemittelten Ding wie einer Frau eine ernsthafte tiefgreifende Beziehung eingehen? Die Homoerotik der Griechen war wohl – ich gebe zu, mich hierbei auf heißumkämpftes Terrain zu begeben – wenn auch ein Spezialfall der Homosexualität, primär doch ein ganz gewöhnlicher Fall von Frauenhass.
Fortsetzung folgt…
Beim nächsten Mal: Schwulenpanik im Fitnessstudio

