Sind Sie schon mal mit einem Intercity-Nachtbus verreist? Das ist eine Erfahrung, die einem die Augen öffnet. Die nachfolgende Kurzgeschichte beschäftigt sich damit – und mit anderen Dingen 😉
Danke an smader via Pixabay für das coole Bild.

Bus-der-Tod-uns-scheidet
“Wow, bist du deppat!”
“Ziemlich cool, oder?”
“Voll! Höchstens a weng kalt.”
“Sehghst! Und du tuast imma so, als wär Busfoahrn da Tod.”
“Na eh. Host eh Recht! Host as eh gheart, ned dass donn wieda hoast, I konn ned zuagebn, wenn du Recht host.”
“I hobs gheart.”
Ihr sanfter Kuss markiert die Pause vor dem nächsten Akt. Nachdem zum vierten Mal seit der Abreise zum Busbahnhof das Gepäck auf Buchungskopien, Pässe und lebensnotwendige Utensilien wie Ladekabel überprüft wird, erfolgt endlich die Freigabe der Rucksäcke zur Verstauung unter dem großen Fenster im oberen Stock.
“Erste Reihe fußfrei. Nice! Ja, so hot Klimaschützn wieda wos.”
Nachhaltiges Reisen bleibt neben der obligatorischen Videonachricht an die Kinder ihr einziger Gesprächsversuch. Letztlich wissen beide, dass am Ende der Nacht das erste kinderfreie Wochenende seit Ewigkeiten wartet, mit mehr Zeit zum ununterbrochenen Reden, als man nach so langer Zeit verdauen kann. Nachdem der ehelichen Höflichkeit Genüge getan wird, versenken sich beide in ihre Bücher oder Bildschirme.
Kurze Zeit später klappt der Sessel der Frau zurück und, in eine kleine Decke gehüllt, wünscht sie mit dem Verschwinden der letzten Lichtstrahlen ihrem Gatten eine gute Nacht und verfällt in Leichenstarre. Ihn dagegen befällt eine leichte Nervosität.
Na, selbst wenn. Schlofst hoit untertogs. Kane Kids, völlig wurscht. Geht nur um a paar Stund im Bus, redet er sich selbst gut zu und klammert sich unruhig an seine Lektüre. Als die Buchstaben aus Müdigkeit vor seinen Augen verschwimmen, schnappt er sich eine Decke und schmeißt sich in den leeren Doppelsitz neben ihrer Reservierung.
Vielleicht wirklich nicht so schlecht, sagt er sich, wälzt sich ein paar mal hin und her, polstert das lästige Gurtschloss mit seinem Pullover und döst schließlich ein. Kaum in die Traumgefilde eingegangen, ruft ihn überzogenes Gelächter zurück in den Bus. Seine Augen schmerzen, als die hellen Lichter des Münchner Busbahnhofs sich durch die geschlossenen Lider brennen.
“Natürlich miasn de jetzt einsteigen, de Idioten”, ärgert er sich.
Tun sie dann aber doch nicht. Lediglich einer von den Saufschädeln hantelt sich die enge Stiege hoch und durch den schmalen Gang. Unten bei den beiden Fahrern, wird abgesehen vom Gepäck alles leer bleiben. An Schlaf ist trotzdem nicht mehr zu denken. Es dämmert ihm, dass ihn der Sandmann an diesem Tag nicht mehr besuchen wird. Zu geizig wacht er über seine magischen Körnchen.
Nächste Chance nach Mitternacht, stellt er fest und wischt sich den Sabber aus dem Mundwinkel. Doch die Nornen meinen es nicht gut mit ihm. Die Schicksalsgöttinen hetzen ihm ein junges Pärchen auf den Hals. Schnurstracks steuern sie auf sein improvisiertes Bett zu. Es bleibt ihm nichts übrig, als auf den halben Quadratmeter zurückzukehren, den er guten Gewissens für sich beanspruchen kann. Wider besseren Wissens versucht er es seiner reglosen Frau gleichzutun und sich mit aller Gewalt in den Schlaf zu zwingen. Es hilft nichts, besonders nicht bei dem ständigen Gekichere und Gegackere seiner neuen Nachbarn.
Ihr sads jo so lustig! Hahaha…, geh hoits einfoch de Pappn, brodelt es in ihm.
Obwohl er nur Bruchstücke versteht, reicht ihm ein Blick aus den Augenwinkeln, um zu entscheiden, dass die beiden unerträglich sind. Unerträglich jung und unerfahren, weshalb der geleckte Feschak glaubt, seiner Holden die Welt erklären zu müssen und die dumme Kuh immer zu kichert, um ihm die Illusion nicht zu rauben. Unerträglich glücklich in ihrer gewählten Verblendung vor dem unausweichlichen Sündenfall.
Sicher feiern de se dann daham nochm Poppen wie super se san, weil se den Bus nemman und die Umwölt schonen und Göld sporn und nochts reisen ist ja auch sooo lustig.
Aber Reisen ist nicht lustig und nachts schon gar nicht, außer man kann schlafen, was für ihren leidenden Sitznachbarn unmöglich ist, solange sie sich weiter amüsieren. Mit einem schweren Atemzug setzt er sich auf, versucht zu lesen, gibt das schnell wieder auf und schaut sich stattdessen die zugestiegene Reisegesellschaft an.
Manche tragen Arbeitskleidung unter den dünnen Jacken und Augen so leer, dass man eigentlich Angst haben müsste, nicht versehentlich in die Höhlen zu stürzen.
Vielleicht Kellnerinnen, Küchenhülfn, Pflegekräfte und so?
Ein paar Bosniaken, ein paar Türken, Syrer, viele Deutsche. Die wenigen Asiaten kann er nicht auseinanderhalten. Keine Anzugträger, zumindest nicht in diesem Nachtbus. Einige junge Leute; mehr Frauen als Männer. Wenigstens keine Kinder.
Gott, Kinder im Nachtbus. Hoffentlich ist keiner so verzweifelt, graut ihm vor dem Gedanken. Alles in allem, nicht gerade die Haute Volée – und ich mittendrin.
Bei der nächsten Station schließt er die Augen, sobald sie von der Autobahn abfahren, um dem grellen Licht zu entfliehen. Das furchtbare Paar neben ihm steigt – Gott sei Dank – schon aus, dafür füllen sich die übrigen Plätze fast restlos. Ihr Nachfolger hält zwar die Klappe, ist dafür aber wie Obelix ins Parfümfass gefallen.
Bald ist jede Liegeposition auf dem kalten Kunstledersitz durchprobiert. Eine schlimmer als die Vorige. Gefangen in der billigen Duftwolke wünscht er sich fast wehmütig das Gegurre der Turteltauben zurück.
Du worst jo nur neidisch, weil se glücklich worn, kan hinigen Rücken hom und kan Schlof brauchn, gesteht er sich schließlich ein. Damit hat er ja wohl die Lektion gelernt, die ihm das Universum erteilen wollte, doch an Schlaf ist trotzdem nicht zu denken.
“Vrf´kte Sch´ß´”, flucht er leise vor sich hin. Stück für Stück verstummt das Gemurmel, wird abgelöst von dezentem Schnarchen. Auch das übertriebene Eau de Toilette im Nebensitz wird im sich ausbreitenden Nebel aus Schweiß, Darmgas und den aufgewärmten Bazillen in den Sitzen aus Tausend und einer Fahrt immer willkommener.
Scheißt da Hund drauf, beschließt der Mann und wirft alle Vorbehalte über Bord. Tunlichst bemüht, nicht versehentlich seine Frau zu wecken, quetscht, schiebt, presst er sich in den Stauraum zu ihren Füßen.
Ah, bessa. Vü bessa. A’–! Scheiß Kantn! Jetzt oba.
Mitternacht liegt schon eine ganze Weile zurück. Außerdem ist er am Ende seiner Ideen. Von Selbstmitleid übermannt, bekommt er tatsächlich glasige Augen. Flehend wendet er sich ans Universum: Kum jetzt du Hurensohn. Du scheiß Wichsa. I wü schlofn, des konn jo ned sein. Da gonze verschissene Bus schloft. I wü a. I a!
Dann fasst er sich wieder, erinnert sich daran, am nächsten Tag eh schlafen zu können. Natürlich ahnt er, dass das gelogen ist. Die kurze Zeit in der Ferne will voll und ganz genutzt werden. Aber die durchschaubare Notlüge reicht, um ihm etwas Ruhe zu schenken und wegdösen zu lassen. Endlich lässt sich der Sandmann erwärmen und ehrt ihn mit einem zweiten Besuch.

Als er das nächste Mal zu sich kommt, weiß er nicht, wo er ist. Nur, dass ihm alles weh tut. Ächzend wetzt er herum, kämpft kurz mit einem Anflug von Platzangst. Dann ist die Pirouette vollendet und die eigenen dreckigen Schuhe dürfen als Polster herhalten.
Obwohl der Bus gerammelt voll ist und auf der Autobahn Lichter und Verkehr vorbeipfeifen, fühlt der Mann sich plötzlich sehr allein, fast fehl am Platz. Von der Angst gestreift, wirft er einen kurzen Blick den Gang hinab. Eine Entscheidung, die er sofort bereut. Zwar ist außer grotesk verrenkten Schlafenden nichts zu sehen, aber ihn beschleicht das Gefühl, etwas Verbotenes zu beobachten. Als hätte er eine fremde Frau nackt überrascht und unschuldig ihren Zorn auf sich gezogen.
Schnell löscht er sein Augenlicht, bereit, die Erinnerung zu begraben – vergebens. Die Verstoßene übt schreckliche Rache an ihm, zerreißt den Schleier, der ihn schützt. Ein Krächzen bleibt ihm in der Kehle stecken. Vor seinem inneren Auge schreitet der Gott der Träume durch die Reihen und vollbringt, was Sterblichen nicht zu sehen bestimmt ist. Durch die schlafenden Fahrgäste bricht sein unsichtbares Reich in die Wirklichkeit.
Es ist eine üble Sache den Göttern zu begegnen, denn kein Mensch wird Leben, der mich sieht, verflucht der Mann sich durch eine andere Erinnerung, ehe er das Bewusstsein verliert.
Der starke Drang zu pinkeln, weckt ihn abermals. Für einen Moment versucht er ihn zu unterdrücken, aber die Botschaft seines Körpers ist unmissverständlich. Der flache Schlaf konnte die Unruhe in seinem Nervenkostüm nicht vertreiben, wohl aber flüchtiges Vergessen schenken. Verwirrt lässt er das kümmerliche Ganglicht in sein Bewusstsein dringen, unfähig die verrenkten Gliedmaßen zu kontrollieren, um aus seinem Versteck zu kriechen. Schließlich rappelt er sich auf. Wie ein Schatzsucher steigt er über Stolperfallen und schlängelt sich an verrenkten Körpern vorbei.
Pff, atmet er erleichtert auf, als die Treppe erreicht ist – zumindest für einen Moment. Eine gespenstische Stille wartet im Untergeschoss auf ihn. Keine Spur von den Fahrern. Der Vorhang zum Allerheiligsten ist geschlossen. Ungeduldig stolpert er in die winzige Klokabine und wird augenblicklich von weichem Licht umfangen. Sobald die Tür verriegelt ist, fließt das Unbehagen mit dem Urin aus ihm ab. Trotzdem zögert er für einen Moment über die Schwelle seines Refugiums in das Zwielicht zu steigen. Mit einem Tzh schüttelt er die Beklemmung ab und tritt den Rückweg an.
Alles ganz banal!
Doch der Anblick der regungslosen Leiber beruhigt ihn keineswegs. Auf seinen verkaterten Geist wirkt ihre nackte Fleischlichkeit ekelhaft. Er merkt gar nicht, wie er auf seinen Lippen kaut.
Warat I nur in der Plastikkapölln unter Deck bliebn, hadert er. Kumm, stöh di ned so on!
Einmal mehr schiebt er sich durch das Rankengeflecht aus Armen und Beinen.
War do wos? Er wischt sich übers Gesicht. Bledsinn.
Der Bus schießt unter den verschwimmenden Lichtern der Autobahn dahin, entzieht sich dem Zugriff ihrer prüfenden Strahlen. Mutter Nyx heißt das Gefährt samt der gestohlenen Seelen willkommen und reißt ihren unendlichen Rachen auf.
Diesmal gibt es kein Leugnen, denn die Außenwelt verschwindet, als die Finsternis sie verschlingt. Seine gerafften Augenbrauen schießen hoch, als es ihm den letzten Zweifel aus dem Gesicht pustet und sein Kinn bis zur Brust aufklappt. Die weichen Knie versagen. In seiner Not klammert er sich an den nächstbesten Fahrgast, doch die Eiseskälte des Fremden lässt ihn aufschreien.
Jesusmaria, atmet er erleichtert auf, als der Fette erwacht und den Spuk damit beendet. Nicht für lange, denn in dem aufgedunsenen Gesicht wohnt kein menschlicher Geist. Rund um ihn erwachen mehr und mehr der Fleischpuppen.
Nix wie weg! In seiner Panik stolpert er und knallt auf die Rippen. “Schatzi!”, ruft er unsicher den Gang hinab und kriecht los, aber eisige Finger krallen sich in ihn. “Lossts mi! Lossts mi!”
Sein Ellbogen zertrümmert eine Nase, er springt auf ein Knie. Wie ein Widder rammt er seinen Kopf in das Gesicht einer untersetzten Frau und schon tropft Blut an ihnen herab. Eine Mischung aus der Wunde an seinem Hinterkopf und ihrer aufgeplatzten Lippe.
Ein böser Fehler.
Stöhnend und Keuchend werfen sich seine Widersacher auf ihn, um den süßen Nektar in seinen Venen zu schlürfen. Zappelnd geht er zu Boden, kämpft sich mit Händen und Füßen auf den Rücken, gerade rechtzeitig, um den Ansturm eines dürren Greises abzufangen.
“Ahhh, du Drecksau!”, kreischt er, als ihn der Alte in den Unterarm beißt. Die rechte Gerade knallt, verschafft ihm genug Platz für einen ordentlichen Tritt. Einen Herzschlag lang reißt er eine Schneise in die Angreifer und erhascht damit einen Blick auf Morpheus. Der Gott ist hier, um ihn der gerechten Strafe für seinen Frevel zuzuführen.
“Schatziiihh!”, ertönt sein Schrei wie eine Posaune. Der Mut der Verzweiflung. Wenn er es nur bis zu ihr schaffen könnte: Dann, ja, dann!, ist er sicher. Ein letztes Mal bäumt er sich auf und wird wieder zu Fall gebracht. Seine Arme strecken sich zu ihr, während die Flut aus Leibern auf Befehl des Sandmanns über ihn hereinbricht.
“SCHAATZIIHHH!!?”
“Schhht! Wos denn? Spinnst jetzt komplett?”
Wie von der Tarantel gestochen springt er auf, haut sich den Schädel an und geht wieder zu Boden. Sie kann sich ein Lachen nicht verkneifen.
“Führ di ned so auf. In Berlin kennt uns zwoa kana, oba…”
Die Kabine leuchtet in zartem Morgenrot. Langsam dringt die Erkenntnis zu ihm durch.
“Man schloft gar ned so schlecht, oda? Ziemlich cool! Des kimma in Zukunft wirklich öfter machen. Oiso ned unbedingt Berlin. Reisen hoit.”
Wortlos kriecht er in seinen Sitz.
“Mhm.”
Sie ignoriert seinen verdatterten Blick und begräbt ihm unter einem Schwall an Plänen. Wie zum ersten Mal genießt er ihre ungestüme Lebenskraft in vollen Zügen.
I muaß wohl öfta sterben, wenn des hülft hoam ins Paradies z’kumma.
Aber die Götter wird er nie wieder so leichtfertig anrufen.

