• Dschungelfieber und Mönche auf Steroide – OW Part 3

    Dschungelfieber und Mönche auf Steroide – OW Part 3

    Ein Essay, ein Spiel mit Gedanken – wurde mir gesagt.

    Dieser Text ist der dritte Teil einer längeren Reihe, wie ein paar antike Päderasten die Zukunft gerettet haben könnten.

    Diesmal gibt es keine Warnung die vorherigen Teile zu lesen. Den Teil kann man vermutlich auch so verstehen.

    (Aber falls du Lust hast 😉 )

    Danke an dieser Stelle an rubensukatendel via Pixabay!

    monkey guard buddha temple

    Dschungelfieber und Mönche on Roids!

    Die dicht an dicht dösenden Farnblätter werden unsanft geweckt, als sich ein graubraunes Fell nonchalant vorbeischiebt. Die Kreatur hat die Statur eines großen Terriers oder einer schlanken Bulldogge, aber ihr schaukelnder Gang passt – nebst anderem – so gar nicht zu einem Hundsvieh. Dementsprechend wenig dürfte es überraschen, dass sie keiner Fährte folgt, sondern gemütlich auf eine der unzähligen Schattenpflanzen zuhält, die ihre Pracht völlig schamlos der weiten Welt offenbart. Doch dieser zauberhafte Anblick geht an dem Tier verloren, dem die Fülle und der Reichtum des immerfeuchten Waldes längst zur Gewohnheit geworden ist.

    Lustlos kaut es in der allgegenwärtigen Schwüle auf einer der orangefarbenen Blüten herum. Vermutlich ist es auf Nahrungssuche – was soll es auch sonst tun inmitten dieser tristen Üppigkeit. Selbst die eigene Farbenpracht ödet es an. Schimmernde Blautöne, durchzogen von kräftigen roten Pinselstrichen verzieren das Gesicht und in ähnlicher Weise das fulminante Gesäß. (Sie sehen schon, wir bleiben dem Thema treu.)

    Dabei ist es nicht allein. Eine ganze Horde der Affen flaniert entlang der grünleuchtenden Promenade unter den hohen Wollbäumen. Aus den Augenwinkeln registriert der – legen wir die Karten auf den Tisch – Mandrill eine Bewegung im Nachbarbusch, kaum der Mühe wert den Kopf zu heben. Da flackert etwas in den trüben Augen auf. Die rosaroten Nüstern blähen sich ordentlich, die gelbe Mähne wendet sich im selben Moment hinüber – Leben erwacht im trägen Körper, als ein brünstiges Weibchen auftaucht.

    Es dauert nicht lange, bis die gegenseitige Beschnupperung abgeschlossen ist und die Sachlage klar: Es ist Paarungszeit! Und schon geht’s zur Sache, dass die vorhin noch ungenierten Blumen erröten, die Vögel aus den wackelnden Urwaldriesen flüchten und das Mandrillmännchen alle Welt an seiner Freude teilhaben lässt, indem es ein beherztes Yippikajay durch den Urwald jodelt.

    Nur um schnurstracks wieder in Lethargie zu verfallen und sich trottend vom Acker zu machen. Aber seien Sie nicht besorgt, das umso stärkender leuchtende Hinterteil bezeugt was für ein Hengst dieser Oberaffe ist. Und wer macht’s möglich? Genau C₁₉H₂₈O₂ – gemeinhin als Testosteron bekannt.

    Das Zeug, in das ein junger Gallier namens Obelix als Kind gefallen ist. Das Drachenblut, indem Siegfried badete. Der göttliche Fluss, in den Thetis den Achilles tauchte. Der Stoff, aus dem Männer wie Giacomo Casanova oder Indiana Jones gemacht sein müssen. Kämpfer, Verführer, Abenteurer. Kurz: echte Kerle. Nur leider fürchte ich, da liegt ein Missverständnis vor.

    Da gibt es eine krasse Parallel zur Legende, dass ein Matrose sterbe, wenn man ein Streichholz teilt. Die Idee wurde von den Seefahrern in ihrer abergläubischen Manier aufgenommen – warum weiß der Klabautermann – und so verteilt in aller Welt. Ursprünglich gab es wohl einen militärischen Zusammenhang. (Das lange Teilen eines Zündholzes gab lauernden Feinden Zeit in der Dunkelheit Maß zu nehmen.) Was nun das Testosteron betrifft, sind viele felsenfest überzeugt, es mache aggressiv und gampig (notgeil) – gleich aber wie bei den Seefahrern, ist das ein verdrehter Mythos.

    Fragen Sie nicht mich, halten Sie sich an den wundervollen Dr. Robert Sapolsky, der in seinem fulminanten Behave (Deutsche Ausgabe: Gewalt und Mitgefühl) die neurobiologischen Grundlagen darlegt und komplexe Verhaltensweisen glasklar aufschlüsselt. (Was für ein Fest dieses Buch war.) In seiner vollbärtigen, lockigen Herrlichkeit beschreibt Sapolsky die Wirkung von Testosteron als Verstärker für angelerntes Verhalten. Es hilft die notwendige Schwelle zu überschreiten oder sie zu senken, um nicht in Inaktivität gefangen zu bleiben. Wenn also die Mandrilldame ihre Pheromone verstreut, hilft Testo indem es den Körper aktiviert und im Hirn die Botschaft durchbringt:„Los Poppen, Go! Go! Go!“

    Aber ohne diesen Reiz wäre unser Alpha-Mandrill nicht in die Gänge gekommen, hätte nicht von sich aus drei andere Weibchen beschlafen und danach auch nicht Streit mit den Männchen gesucht. Sein Verhalten hinge stark davon ab, was es seit seiner Jugend als gewinnbringendes Verhalten erlernt hätte.

    Ein anderer Verhaltensbiologe, Dr. John Wingfield, hat dafür ein eingängiges Beispiel geprägt, dessen Sapolsky sich bedient – und nun ganz schamlos ich. Es geht um die Challenge Hypothesis, also die Frage nach dem Einfluss von Testosteron auf unser Verhalten, wenn wir in unserem sozialen Status herausgefordert werden.

    Die gängige Vorstellung wäre für unseren Mandrill, nachdem sich sein Testosteron-Wert nach erfolgreicher Paarung gehoben hat, dass er auf eine Herausforderung mit brutaler Härte reagiert und seinen Widersacher in Grund und Boden prügelt. Wieso auch nicht? DAS KANN ICH IHNEN SAGEN! 😉
    Ähem, naja, weil das eine unangebrachte Eskalation wäre – exzessive Gewalt. Die Gruppe würde ihn isolieren, die Weibchen stille Koalitionen gegen ihn formen usw. Er hält sich stattdessen an die erlernten Normen.

    Erst Drohen, Starren, Brüllen, Schlagen, Beißen, Rückzug erlauben. „This is the way.“

    Wingfield soll diesen Umstand – dass Testosteron erlerntes Sozialverhalten verstärkt, aber nicht begründet – mit buddhistischen Mönchen illustriert haben. Ungefähr so: Stellen Sie sich eine Mönchsgang vor, wie diese glatzköpfige Bande durchs Land zieht und in den Konsumtempeln Angst und Schrecken verbreitet, indem sie die Nichtigkeit des Seins durch selbstlose Handlungen und innerer Zufriedenheit aufzeigt. Was ist das erlernte Verhalten, um innerhalb dieses gemeingefährlichen Syndikats den Status zu behalten? Richtig, selbstlos und demütig für andere da zu sein.

    Mehr Testosteron lässt sie nicht zu Shaolinmönchen mutieren oder zu Samurai werden, nein, es verstärkt die bereits erworbenen Handlungsmuster. Ob es nun um Herausforderungen oder den Sexualtrieb geht, Testosteron moduliert nur das abgespeicherte Verhalten.

    „Klopf, Klopf.“
    „Wer ist da?“
    „Das geschichtliche Milieu.“

    In unserer westlichen Gesellschaft, in der Frauen ihre Ansprüche, Vorlieben und Erwartungen an die Männerschaft formulieren und dabei wohlwollenden Sexismus und Dominanzverhalten begrüßen, aber homoerotische Gesten oder selbst farbenfrohe Kleidung als tuntig und unmännlich verstehen, bewirkt Testosteron eine Verstärkung solcher Tendenzen. Denn Männer lernen unattraktiv für Frauen zu sein, wenn sie sich so geben – also meiden sie es. *** Wir alle bleiben Kinder unserer Zeit.

    Aber wenn sich die Katze hier in den Schwanz beißt, wie kam es dann im Laufe der Geschichte doch zu Veränderung? Und wie war das bei antiken Griechen, die soviel auf Wettkampf und krasse Männlichkeit hielten und doch für die Knabenliebe bekannt wurden?

    Fortsetzung folgt …

    Beim nächsten Mal: Knabenliebe im antiken Griechenland

    *** Weder dieser Text noch einer der anderen will Frauen für Homophobe Männer verantwortlich machen. Davon abgesehen, dass wir mit den Gedanken spielen (schon vergessen?), gibt es genug Gründe, wieso Männer Angst vor dem Thema haben, die alle mit ihnen selbst zu tun haben. Folgen Sie der Blog-Reihe und Sie werden schon sehen, wie die Kerle ihr Fett abkriegen – versprochen 😉 ***

  • Dreamteam Frauen und Schwule – OW Part 2

    Dreamteam Frauen und Schwule – OW Part 2

    Ein Essay, ein Spiel mit Gedanken – wurde mir gesagt.

    Dieser Text ist der zweite Teil einer längeren Reihe, wie ein paar antike Päderasten die Zukunft gerettet haben könnten.

    Schaut euch lieber den ersten Teil über perfekte Männerhintern an, sonst wird das hier nicht viel Sinn ergeben 😉

    Danke an dieser Stelle an JPiber via Pixabay für das Bild!

    Wolkenherz

    Dreamteam Frauen und Schwule

    Ist man sich erst einmal bewusst, welche Einigkeit und Anerkennung selbst unter formal den Frauen zugetanen Männern über den perfekten Männerpo herrschen muss, dürfte es nicht weiter überraschen, in welche Schwärmerei ich beim Anblick des formgewordenen göttlichen Willens versank. (Ein besonderer Arsch im ersten Teil 😉 ) Aber meiner Erfahrung nach stößt die Bewunderung der Attraktivität anderer Männer gerade bei den Frauen auf großen Unmut. An dieser Stelle würde sich eine ausgiebige Recherche einschlägiger Literatur anbieten.

    Sie irren allerdings, wenn Sie sich mich nun über einen Stapel Bücher gebeugt vorstellen – die kostbare verbleibende Zeit meines ohnehin angezählten Rückens verschwendend -, um die Geheimnisse weiblicher Homophobie vom Stegosaurus bis zum Terminator aus der fernen Zukunft im Jahr 2029 (!!) minutiös zu rekonstruieren. Aber Ihnen zuliebe wollen wir den Anschein fundierter Recherche erwecken.

    Also ein Zitat aus dem 1923 erstmals erschienen, für seine Zeit wohl als progressiv zu verstehenden, Wie bist du, Weib? von Dr. Bauer, einem Wiener Gynäkologen:

    „Das moderne Weib ist nicht schlechter geworden als es etwa früher war; wohl aber ist es etwas vernünftiger geworden! Insofern, als es heute wenigstens seine Prüderie und Scham soweit abgelegt hat (…)“.

    Ursächlich dafür sei – wie überall sonst im Leben – das veränderte Milieu der Zeit. Man nehme diesen Ansatz, schmeiße ihn für Hundert Jahre in einen Kochtopf mit Wahlrecht, Pille, Aufklärung, LGBTQIA+*, MeToo und Gleichstellungsgesetzen und herauskommt das moderne Dream-Team schwuler Männer und lediger Frauen. Von wegen weiblicher Homophobie, höre ich Sie schon sagen. Der Gay Best Friend hat den Status eines popkulturellen Ideals. Beweisaufnahme beendet. Oder?

    Einspruch, euer Ehren! „It is a capital mistake to theorize before one has data”, warnt der gute alte Sherlock aus dem Grab. Denn wir haben jenen Fall von Ablehnung gegenüber Anziehung zwischen Männern, auf den ich mich beziehe, noch gar nicht besprochen.

    Sehen Sie, meine Frau ist eine ausgesprochen wohlbelesene Feministin, der jegliche Verurteilung von homosexuellen Partnerschaften – und aller anderen Spielformen – unter normalen Umständen sauer aufstoßen würde.

    Eines Tages brausen wir mit unserem Auto durch eine finstere Landschaft. Ein Heer schwerer, vollgesoffener Regenwolken verdunkelt den Himmel. Ihre ausgesandten Streitkräfte trommeln ungestüm gegen die dünne Blechmembran, während wir eine Schneise durch ihre Reihen schlagen. Augenblicklich schließen sich ihre Linien hinter uns. Fast wirkt es, als ob wir das Land verlassen hätten, als säßen wir abgeschottet von der restlichen Welt in einem Uboot; als wären wir aus dem Lauf der Zeit in eine andere Dimension entrückt.

    In dieser Parallelwelt blüht unser Gespräch auf, entfaltet sich angeregt, springt unerwartet von hier nach da – wie ein Liebesspiel der Gedanken. Ohne zu wissen, wie wir dort gelandet sind, erzähle ich von der Gepflogenheit, bei der sich Sportler gegenseitig auf den Po klatschen, um gegenseitige Anerkennung auszudrücken. Und was ist die urtümlichste Reaktion meiner Liebsten in diesem intimen Moment? Sie macht sich lustig. Spöttelt über diese komischen Verhaltensweisen, hat die Not, diese Vorstellung ins Lächerliche zu ziehen. (Was sie später mit eingezogenem Schwanz als kindischen Schnellschluss entschuldigen wird.)

    Und diese Reaktion würde ich als exemplarisch einstufen für Zuneigung und Zärtlichkeit – Sind sie bereit? – zwischen heterosexuellen Männern. Sollen die Schwulen doch treiben, was sie wollen, das macht allenfalls etwas her für lustige Geschichten, solange die Kerle Kerle bleiben.

    Ich trau mich wetten (was also nichts anderes heißt, als dass ich außer meiner Intuition keine belastbaren Daten darüber besitze), dass viele Frauen bei den Geschichten aus Queer as Folk genauso lachen können wie bei den zotigen Anekdoten aus Sex and the City. Ein Beispiel der ersten Staffel Queer as Folk, dass die vermeintliche Verbrüderschwesterung einfängt.

    Business Executive: „But what about the model? Are you sure he isn’t too…?”
    Brian: “Gay? Ladies?”
    1st Woman: “I wouldn’t care if he was. I would go to bed with him anyway.”
    2nd Woman: *Laughter*

    Gelächter, Gelächter – wie gesagt: Schwul und Ladies geht ja angeblich super zusammen. Aber haben Sie schon mal gesehen, wie viele Frauen auf äußere Kennzeichen (Marker) reagieren, die Gender-Stereotypen widersprechen – angefangen im Kindergarten bis hinauf ins hohe Alter? Ganz zu schweigen von Liebkosungen oder Freundschaftsbezeugungen, die nicht in Stacheldraht gewickelt sind.

    Derogative Bezeichnungen unter Freunden wie „Schlampal“ (Koseform von Schlampe) würden 10mal eher durchgehen als „Süßer“. Jede Wette! Das ist plötzlich nicht mehr das gute Schwul der richtig Schwulen. Das ist heteroschwul und da gibt es eine Grenze, bei dem – wie Dr. Bauer sagen würde – “(…) normalen Weib, das Weib des Alltagslebens, das ‚Kulturweib‘, das mit und um uns lebt.“

    Nehmen wir mal an, mein Bauchgefühl stimmt. Woher mag diese Doppelmoral dann kommen? Was spricht für schwule Freunde, aber gegen Partner, die mit anderen Männern liebevoll sind? Liegt es an Jahrtausenden der Erniedrigung und Missachtung von Frauen, die sie hypersensibel sein lässt auf jedwede Bünde unter Männern?

    Immerhin mussten sie die Degradierung zu Zeugungsmaschinen ja schon bei den antiken Griechen hinnehmen, die so wenig auf sie hielten, dass sie die einzig wahre Beziehung eher mit pubertierenden Knaben suchten als mit einer Frau. (Ein Punkt, auf den wir noch zu reden kommen werden. Darauf können Sie vom Schierlingsbecher trinken.)

    Oder entspringt diese reflexhafte Abneigung doch der kulturchristlichen Sexualethik, die selbst von den Nazi-Ideologen heuchlerisch aufgegriffen und gerade im Blick auf

    Homosexualität noch verschärft wurde? In diesem Sinne würde ich Carola Reinsberg verstehen, die in ihrem spannenden Buch über Sexualität im antiken Griechenland schreibt:

    „Die Wahl der einen oder anderen Liebe war keine Frage einer individuellen Konditioniertheit, sondern einer gesellschaftlichen Konvention, abhängig von Alter und Sozialstatus.“

    Gut und schön, werden Sie nun vielleicht sagen, selbst wenn es einer der beiden Punkte wäre, ist’s doch bei den Männern nicht anders. Dabei ist der springende Punkt doch: Die Damenwelt sollte angeblich verbündet sein mit der Homowelt, statt sich darüber lustig zu machen oder eine harte Grenze bei den Heteromännern zu ziehen – wenn man den Filmen glauben darf.

    Davon abgesehen, will ich ein verrücktes Gedankenexperiment wagen: Was, wenn die Meinung der modernen Frau, anders als in der Antike, heute von Bedeutung wäre? Rein hypothetisch versteht sich! Um das zu klären, sollten wir uns mit C₁₉H₂₈O₂ vertraut machen. CC12CCC3C(C1CCC2O)CCC4=CC(=O)CCC34 ist natürlich ein Begriff für Sie, oder?

    Sonst lassen Sie mich Ihnen auf die Sprünge helfen.

    Fortsetzung folgt …

    Beim nächsten Mal: Dschungelfieber und Mönche on Roids!